Es ist ein beispielloser Schritt: Die USA wollen Virologen ihre Ergebnisse zur Vogelgrippe nicht vollständig veröffentlichen lassen - weil sich die Regierung fürchtet.
Zensur aus Angst vor Bioterrorismus: In einem bisher beispiellosen Schritt hat die US-Regierung Wissenschaftler aufgefordert, ihre Forschung zum Vogelgrippevirus H5N1 nicht vollständig zu veröffentlichen. Sie befürchtet, Terroristen könnten die Informationen für die Entwicklung einer gefährlichen Biowaffe benutzen.
Angst vor Supervirus - Vogelgrippe
Die Forschung war sogar von offizieller amerikanischer Seite unterstützt worden. Die Aufforderung an die Wissenschaftler und die Magazine "Science" und "Nature", Teile der Arbeit nicht zu veröffentlichen, sei keine einfache Entscheidung gewesen, erklärte Anthony Fauci, beim Nationalen Institut für Gesundheit zuständig für Infektionskrankheiten.
Bei der Arbeit von Virologen aus den Niederlanden und den USA geht es um die Züchtung einer H5N1-Variante, die leicht von Säugetier zu Säugetier - also möglicherweise auch von Mensch zu Mensch - übertragen werden kann.
Übertragung von Frettchen zu Frettchen
Die Forscher, Ron Fouchier vom Erasmus Medical Center in Rotterdam und Yoshihiro Kawaoka von der University von Wisconsin in Madison, äußerten sich zurückhaltend. Das Erasmus Medical Center erklärte, das Team sei bereit, der Bitte der US-Regierung zu entsprechen. Zugleich wies die Einrichtung auf die Freiheit der Wissenschaft hin. "So etwas ist noch nie vorgekommen", kommentierte sie die Anfrage. Die University von Wisconsin äußerte sich ähnlich, verwies auf die Bedeutung, die die Forschungsergebnisse für die öffentliche Gesundheit, für den Kampf gegen die Ausbreitung der Vogelgrippe hätten.
Dioxin-Hühnchen und gepanschtes Speiseöl - Lebensmittelskandale in Europa
GIFTÖL: Mehr als 1200 Menschen starben 1981, nachdem sie gepanschtes spanisches Speiseöl zu sich nahmen. Das Rapsöl, das in Frankreich zu industriellen Zwecken hergestellt worden war, wurde in Spanien als Speiseöl verkauft. Mehr als 20.000 Menschen erlitten Vergiftungen durch das Öl, das mit Anilin verseucht war. Nach dem Skandal brachen die Verkaufszahlen für Olivenöl drastisch ein und erholten sich erst zwei Jahre später wieder.
BSE: Die Rinderseuche BSE wurde 1986 erstmals bei Kühen in Großbritannien nachgewiesen und breitete sich in ganz Europa aus. Auf dem Höhepunkt der Krise verhängte die Europäische Union 1996 ein Exportverbot für britisches Rindfleisch. Forscher hatten zuvor nachgewiesen, dass der Verzehr von BSE-belastetem Fleisch zur neuen Variante der tödlich verlaufenden Creutzfeldt-Jakob-Krankheit beim Menschen führen kann. Durch die Krankheit, an der in Großbritannien 170 Menschen starben, wird das Gehirn nach und nach wie ein Schwamm durchlöchert.
DIOXINHÜHNCHEN: 1999 wurde das krebserregende Dioxin in belgischem Hühnerfutter nachgewiesen. Geflügel und Eier aus belgischer Produktion wurden europaweit aus den Ladenregalen verbannt, was die Geflügelindustrie in eine schwere Krise stürzte. Belgien führte daraufhin ein Frühwarnsystem für verunreinigte Futtermittel ein. Als Konsequenz aus dem Skandal wandten sich viele Verbraucher von Eiern und Geflügel aus Massentierhaltung ab.
VOGELGRIPPE: Vier Jahre nach dem Dioxinskandal ging erneut die Angst vor Geflügelfleisch um. Verantwortlich war die Vogelgrippe, die 2003 in Asien auftrat. Das H5N1-Virus, das die Krankheit auslöst, befällt vor allem Vögel, kann aber auch auf den Menschen übertragen werden und schwere Atemwegsinfektionen auslösen. Mehr als 240 Menschen starben an der Krankheit.
EHEC: Nach den großen Fleischskandalen ist es nun Gemüse, das für die Verbreitung des lebensgefährlichen Darmkeims EHEC verantwortlich gemacht wird. Zunächst galten spanische Gurken als Quelle des Keims. Inzwischen werden die Erreger in Sprossen, also Gemüsekeimlingen, vermutet. Allein in Deutschland starben bislang mehr als zwanzig Menschen an der EHEC-Epidemie.
"Science"-Chefredakteur Bruce Alberts bestätigte am Dienstag offiziell, dass das Magazin gebeten worden sei, nur einen Teil der Forschungsarbeit zu veröffentlichen. Man habe große Bedenken, die Informationen der Öffentlichkeit vorzuenthalten, erklärte er. Zugleich betonte er, man nehme die Befürchtungen sehr ernst, dass die Daten in die falschen Hände geraten könnten.
Vogelgrippe wütet besonders stark in Asien
Er rief die US-Behörden seinerseits auf, ein System zu schaffen, mit dessen Hilfe zumindest den Fachleuten die kompletten Forschungsergebnisse zur Verfügung gestellt werden könnten, insbesondere denen in den von der Vogelgrippe besonders stark betroffenen Gebieten wie China oder Indonesien. Bis es eine solche Möglichkeit gebe, wolle er keine abgespeckte Version der Arbeit veröffentlichen.
"Nature"-Chefredakteur Philip Campbell erklärte ebenfalls, dass die kompletten Ergebnisse der Forschungswelt zugänglich gemacht werden müssten. Es werde derzeit diskutiert, wie dies ermöglicht werden könne.
Weltweit sind insbesondere Federtiere mit dem tödlichen Erreger H5N1 infiziert. Bislang waren Menschen nur in Einzelfällen betroffen, man spricht von etwa 600 Fällen, die zu 60 Prozent tödlich endeten. Das liegt daran, dass sich der Erreger kaum auf Menschen überträgt. Den Forschern um Fouchier und Kawaoka gelang die Züchtung einer Variante, die sich ganz leicht von Frettchen zu Frettchen übertrug. dapd/AZ