Nahezu stündlich korrigierten die Behörden am Montag die Zahl der Erkrankungen nach oben: zunächst in Norddeutschland, später auch im Süden. Der gefährliche Darmkeim EHEC scheint sich kontinuierlich auszubreiten. Hunderte bestätigte Erkrankungen oder Verdachtsfälle mit dem Erreger wurden in den vergangenen Tagen bundesweit registriert. Und die Tendenz ist steigend.
Normalerweise kommt EHEC im Darm von Rindern, Schafen oder Ziegen vor. Beim Menschen kann der Keim zu heftigen Durchfallerkrankungen führen, bis hin zu Nierenversagen. Aktuell leiden ungewöhnlich viele Patienten an einem schweren Krankheitsverlauf: Mehrere Infizierte kämpften am Montag um ihr Leben, einige wurden künstlich beatmet, ein Patient liegt nach Krämpfen im Koma. Insgesamt haben die Gesundheitsbehörden mehr als 40 besonders schwere Fälle registriert. Zunächst hatten sich am Wochenende in Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen die Infektionen mit EHEC gehäuft. Auch gestern stieg dort die Zahl der Erkrankungen weiter drastisch an. Gleichzeitig wurden erste Verdachtsfälle in Hessen, Nordrhein-Westfalen und dem Saarland bekannt.
In Bayern sind nach Auskunft der Gesundheitsbehörden bis gestern noch keine lebensgefährlichen EHEC-Erkrankungen aufgetreten. Allerdings gab es einen ersten Verdachtsfall: In Bayreuth wurde eine junge Frau, die nach einem Aufenthalt in Norddeutschland an Durchfall litt, im Klinikum behandelt.
Wissenschaftler suchen nach dem Infektionsherd
Vertreter der Hamburger Gesundheitsbehörde bezeichneten die Lage am Montag als „ernst“. Man habe es mit einer ungewöhnlichen Ausbreitung des Bakteriums zu tun. Vor allem gesunde Erwachsene, darunter überwiegend Frauen, sind vom schweren Verlauf der Krankheit betroffen. Normalerweise ist das eher bei Kindern der Fall. Spezialisten des Berliner Robert-Koch-Instituts untersuchen nun das Geschehen in der Hansestadt. Eine Befragung der Infizierten soll helfen, die Quelle des Erregers zu finden. Bisher konnte laut den Wissenschaftlern noch kein konkretes Lebensmittel ausgemacht werden. Ein Verdacht zielt allerdings auf verunreinigtes Gemüse.
In diesem Fall wäre es möglich, dass der Erreger über das Düngen mit Gülle in den Lebensmittelkreislauf gelangt ist. Normalerweise gelten unbehandelte Milch oder rohes Fleisch als größte Risikoquelle für eine EHEC-Infektion.
Wer sich vor dem Keim schützen will, sollte vor allem auf Hygiene achten. Experten raten dazu, Lebensmittel gut zu waschen und am besten zu kochen, Brettchen und Messer gründlich zu spülen, vor und nach dem Kochen sowie nach dem Gang zur Toilette die Hände zu waschen.
Nach Darstellung des Robert-Koch-Instituts kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Infektionsherd noch im Umlauf ist. Der Präsident des niedersächsischen Landesgesundheitsamtes, Matthias Pulz, sagte, das verunreinigte Lebensmittel müsse sich irgendwo im Handel befinden. Patienten, die an den typischen Symptomen leiden – wässriger oder blutiger Durchfall, Übelkeit, Erbrechen und starke Bauchschmerzen – sollten umgehend einen Arzt aufsuchen.
Seit Einführung der Meldepflicht 2001 registriert das Berliner Institut bundesweit jährlich zwischen 800 und 1200 EHEC-Erkrankungen. Die meisten verlaufen harmlos, Todesfälle sind äußerst selten. Dass es über 40 schwere Verläufe in einem derart kurzen Zeitraum gibt, sei „sehr ungewöhnlich“, betonten Vertreter des Robert-Koch-Instituts. (mit dpa und dapd)