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Heilkunde

07.02.2019

Messen Sie Ihren Stress-Level - ein Selbstversuch

Die Testperson – unser Redakteur Markus Bär – hatte zum ersten Mal in seinem Leben überhaupt mit Qigong zu tun.
Bild: Alexander Kaya

Die Traditionelle Chinesische Medizin weiß seit 1700 Jahren, dass ein leicht unregelmäßiger Puls ein gutes Zeichen ist. Heute kennt die Schulmedizin den Grund.

Dass sich Schulmedizin und alternative Medizin – zumindest an manchen Stellen – immer mehr annähern, immer mehr ergänzen, ist eine derzeit ganz spannende Entwicklung in der Heilkunde. Natürlich gibt es noch viel unversöhnliches Terrain. Aber im Gegenzug auch viele Gebiete, wo sich das Ergänzen unmittelbar besichtigen lässt. Ein Beispiel? Die Herzratenvariabilitätsanalyse, die etwa in der Klinik für integrative Traditionelle Chinesische Medizin (iTCM) Illertal in Illertissen angeboten wird. Der Begriff klingt sperrig und sagt vielen womöglich nichts? Das ging uns in der Redaktion auch so. Bis wir einen Selbstversuch wagten. Über den ich – Redakteur für das Thema Gesundheit – hier berichten möchte.

Quigong ist eine alte chinesische Bewegungstechnik zur Entspannung

Die Versuchsanordnung klingt eigentlich ganz simpel. Zunächst soll mir in einem Vortrag erklärt werden, was Herzratenvariabilität überhaupt ist. Dann wird sie bei mir gemessen. Danach bekomme ich etwa 40 Minuten Qigong, eine alte chinesische Entspannungs- und Bewegungstechnik, verordnet. Mit der ich noch nie im Leben etwas zu tun hatte. Schließlich wird die Herzratenvariabilität gleich noch einmal gemessen. Ein Vorher-Nachher-Versuch sozusagen.

Aber alles beginnt damit, dass ich noch Tage zuvor einen 30-seitigen – wissenschaftlich standardisierten – Stressfragebogen auszufüllen habe. Es handelt sich dabei um den TICS-Test. TICS steht dabei für „Trierer Inventar zum chronischen Stress“. Die Fragen drehen sich etwa darum, ob ich mich in meinem Job gut und anerkannt fühle. Ob ich mich genügend bewege (ich bin ein schon fast zwanghafter Spaziergänger) oder in meiner Freizeit nur herumliege? Ob ich ausreichend Omega-3-Fettsäuren verspeise? Wie viel Bier bei mir auf den Tisch kommt? Ob ich lieber Fisch als Fleisch esse? Ob ich mich in einer guten Partnerschaft befindet oder zu viel einsam bin? Beim Ausfüllen des Fragebogens wird mir klar, dass es mir derzeit eigentlich ziemlich gut geht. Auch Omega-3 scheine ich ausreichend zu mir zu nehmen.

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Ein schulmedizinisch ausgebildeter Kardiologe wertet das Material aus

Dr. Wolfgang Pfleiderer ist Kardiologe und Ärztlicher Direktor der Klinik Illertal.
Bild: Alexander Kaya

Ich sende das Material zurück an die Klinik und die Auswertung nimmt der Ärztliche Direktor der Klinik Illertal vor. Übrigens ein klassisch schulmedizinisch ausgebildeter Kardiologe. Es handelt sich um Dr. Wolfgang Pflederer, früher auch viele Jahre in der Unterallgäuer Kreisklinik Ottobeuren tätig – ebenfalls als Ärztlicher Direktor. Dort hatte er seinerzeit schon die TCM etabliert. Sie zog dann später mit ihm nach Illertissen. Unter anderem aus Platzgründen. Der Mediziner zeigt sich mit meinen Angaben ziemlich zufrieden. „Sie haben wenig Stress und eine hohe Resilienz.“ Resilienz? Das ist ein anderer Begriff für psychische Widerstandsfähigkeit. Also die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen, weil genügend persönliche und soziale Ressourcen vorhanden sind. Ich zweifle da aber ein wenig: „Ich hätte in dem Test ja auch flunkern können“, denke ich mir.

Nun: Ein Fragebogen lässt sich vielleicht nicht wahrheitsgemäß beantworten. Aber das vegetative Nervensystem (VNS) kann man nicht an der Nase herumführen. Es ist autonom. Und damit sind wir bei der Herzratenvariabilitätsanalyse. Die einfach und schmerzlos mit einem EKG vorgenommen wird. Schon vor fast 2000 Jahren erkannte der chinesische Arzt Wang Shu-he, dass ein variabler Herzschlag ein Zeichen für Gesundheit ist. Variabler Herzschlag heißt in diesem Zusammenhang: Wenn man die Herzaktionen über einen bestimmten Zeitraum beobachtet, dann sind die Zeitabstände, in denen das Herz schlägt, nicht immer gleich lang. Sie unterscheiden sich, zwar minimal, aber sie unterscheiden sich.

Schlägt das Herz ganz im Takt, regiert der Sympathikus

Warum soll das nun gesund sein? Wie man heute weiß: Je mehr das Herz einen zeitlich identischen Takt hat – es also nicht variabel schlägt –, desto mehr regiert im Körper der Sympathikus. Der Sympathikus ist ein Teil des vegetativen Nervensystems. Und er ist zuständig für die Leistungssteigerung des Organismus. Er versetzt den Körper in hohe Leistungsbereitschaft, bereitet ihn auf Angriff oder Flucht oder andere außergewöhnliche Anstrengungen vor. Der Sympathikus regiert also, wenn man sehr im Stress ist. Er steigert Herztätigkeit, Blutdruck, Durchblutung und die Spannung der Herz- und Skelettmuskulatur, die Bereitstellung von Energie und den Stoffwechsel.

Der Gegenspieler des Sympathikus ist der Parasympathikus. Er wird auch als „Ruhenerv“ oder „Erholungsnerv“ bezeichnet. Hat er die Oberhand, kann sich der Körper erholen. Er entspannt sich. Und wenn der Parasympathikus regiert, dann schlägt das Herz zeitlich in einem nicht so starren, festgezurrten Takt wie bei einem überwiegenden Sympathikus. Es schlägt variabler. Das haben die Chinesen schon vor etwa 1700 Jahren festgestellt. Inzwischen kann man sich durch moderne kardiologische Diagnostik erklären, warum die Erkenntnisse der uralten fernöstlichen Erfahrungsmedizin richtig sind.

Beim Selbsttest wird die Herzratenvariabilität per EKG gemessen

Der Selbsttest geht nun in die heiße Phase. Per EKG wird bei mir die Herzratenvariabilität zehn Minuten lang gemessen. Dann gibt es 40 Minuten Qigong bei der Qigong-Lehrerin Irmtraud Kolb-Graus.

Voll guten Willens mache ich alle Übungen mit, obwohl sie mir völlig unbekannt sind. Übungen wie „Die Brust öffnen“, „Die Wolken zerteilen“ oder „Den Atem regulieren“, bei denen ich etwa die Arme langsam ausbreiten muss. Immer sehr bewusst, immer mit einem sanften Lächeln auf den Lippen (um die Harmonie zu steigern). Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass das Ganze irgendetwas in mir bewirkt.

Anschließend: wieder eine zehnminütige Herzratenvariabilitätsmessung. Und Chefarzt Pflederer ist bei der Auswertung erneut voll zufrieden. Bei mir waren schon vor der Qigong-Übung Puls, der Einfluss des Sympathikus und Parasympathikus im grünen Bereich (siehe Foto unten). Nach Qigong ist die Pulsfrequenz gesunken. Und vor allem der Einfluss des Sympathikus. „Ich kenne Analysen, etwa von Lehrern mit Burn-out-Syndrom, bei denen der Sympathikus absolut überwiegt und weit in den roten Bereich ragt.“ Das Problem dabei: Die Gefahr, einen Infarkt oder Schlaganfall zu erleiden, steigt massiv. Pflederer ergänzt: Die Analyse per EKG und meine Angaben in den Fragebögen sind definitiv deckungsgleich. „Das passt genau zusammen“, sagt er.

Die Herzratenvariabilitätsanalyse vor (links) und nach 40 Minuten Qigong: Der lila Balken verdeutlicht die Herzfrequenz, der rote (verkürzt gesagt) den Einfluss des Sympathikus (der „Stressnerv“) und der blaue den Einfluss des Parasympathikus (der „Ruhenerv“) im Körper unseres Redakteurs.

 

Der chinesische Arzt verordnet ein Teerezept gegen ständiges Sodbrennen

Abschließend geht es noch zu dem chinesischen Dr. Huaquan Guan. Er ist Kräuterspezialist der TCM-Hochschule in der Sechs-Millionen-Metropole Nanjing. Nach Puls- und Zungendiagnostik bekomme ich noch ein Teerezept gegen die Refluxkrankheit (ständiges Sodbrennen), die ich seit Jahren mit schulmedizinischen Präparaten in Schach halte.

Doch nachdem der Reflux schon seit meiner Jugend besteht, dauert es lange, drei bis sechs Monate, bis der Tee wirkt, sagt der chinesische Arzt. Mein Resümee: Ich bin beeindruckt, wie schulmedizinische Diagnostik und alternative Medizin ineinandergreifen. Ich erinnere mich noch, wie mir vor knapp 30 Jahren ein chirurgischer Chefarzt im Ostallgäu einmal gesagt hat: „Naturheilkunde, Psychosomatik, das alles ist nichts für einen Chirurgen. Braucht er nicht. Ist Quatsch.“ Heute hört man das nicht mehr so oft. Die Zeiten ändern sich.

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