Es ist mitten in der Nacht. Friedlich schnarcht der Bettnachbar vor sich hin. Doch man selbst wirft sich seit einer gefühlten Ewigkeit hin und her und denkt: „Ich muss jetzt endlich wieder einschlafen! Morgen wird es anstrengend!“ Das Verflixte an der Sache: Wer sich derart unter Druck setzt, findet erst recht nicht in den Schlaf. Verstärkt wird der Stress dadurch, dass viele Menschen meinen, unbedingt sieben bis acht Stunden durchschlafen zu müssen. Dabei ist gelegentliches Aufwachen ganz natürlich: „Selbst wenn man mal länger wach bleibt, ist das völlig normal“, betont der Schlafwissenschaftler Professor Jürgen Zulley von der Universität Regensburg. Auch unsere Vorfahren schliefen offenbar nicht am Stück, sondern in mehreren Phasen.
„Wir werden nachts im Schnitt 28 Mal wach“, sagt Zulley. Allerdings weiß man davon meistens nichts: Erst wenn man länger als drei Minuten lang wach war, kann man sich morgens noch daran erinnern. Der Schlafforscher geht davon aus, dass häufiges Erwachen einst sogar ein Evolutionsvorteil war: In der Wildnis konnte es lebensrettend sein, öfter wach zu werden, um Gefahren zu erkennen. Naturvölker schlafen auch heute in mehreren Phasen, wie die amerikanische Anthropologin Carol Worthman von der Emory University in Atlanta in einer Studie zeigte. Es ist bei ihnen üblich, öfter wach zu werden, zu dösen, wieder einzunicken oder auch mal aufzustehen und sich zu unterhalten. Feste Zeiten gibt es kaum. Solche Gewohnheiten unterscheiden sich stark von der Schlafkultur der heutigen westlichen Industrieländer, wo ein „lie down and die“-Modell (hinlegen und sterben) vorherrscht, wie Worthman berichtet.
Es gibt Hinweise, wonach auch die Menschen in Europa vor der Industrialisierung in zwei Phasen schliefen. Der amerikanische Historiker Roger Ekirch wertete eine Vielzahl zeitgenössischer Quellen aus und kommt in seinem Buch „In der Stunde der Nacht“ zu folgendem Schluss: „Bis zum Ende der frühen Neuzeit gab es bei den Westeuropäern in den meisten Nächten zwei längere Schlafabschnitte, die von einer stillen Wachphase von einer Stunde oder mehr unterbrochen wurden.“
In der Pause nach dem „ersten Schlaf“ war es üblich, zu beten, über Träume nachzusinnen, Sex zu haben oder auch aufzustehen, zu rauchen, zu lesen oder herumzuspazieren. Dass sich der Schlafrhythmus veränderte, führt Ekirch vor allem auf den Einfluss des Kunstlichts zurück. Dadurch habe sich der Tag verlängert, sodass es üblich wurde, später ins Bett zu gehen und durchgehend zu schlafen, meint der Wissenschaftler.
Zu einfach darf man es sich aber nicht machen, gibt der Historiker Dr. Philipp Osten von der Universität Heidelberg zu bedenken. Denn auch die sozialen Hintergründe hätten großen Einfluss auf die Schlafgewohnheiten: „Es gab starke schichtenspezifische Unterschiede“, betont Osten. So sei es für die Oberschicht relativ einfach gewesen, sich eine ungestörte Nachtruhe einzurichten und ohne Unterbrechung zu schlafen. Ein Bauer, der frühmorgens Tiere füttern musste, oder ein Schlafgänger, der sich ein Bett stundenweise mietete, konnte dagegen vom Durchschlafen nur träumen. „Die Schlafgewohnheiten hängen jedenfalls stark von äußeren Gegebenheiten ab“, sagt Osten. „Ganze Kulturen kann man danach unterscheiden, wie sie schlafen. Es ist deshalb auch falsch, wenn man meint, es gebe nur eine einzig richtige Art zu schlafen.“
Prägend für unsere heutigen Vorstellungen vom Schlaf waren auch die Werke des preußischen Arztes Christoph Wilhelm Hufeland (1762–1836), der unter anderem König Friedrich Wilhelm III. behandelte: Hufeland war davon überzeugt, dass sich nach zwölf bis 16 Stunden „ununterbrochene Dauer des intensiven Lebens“ ein „Abendfieber“ einstellte, auf das sieben bis acht Stunden durchgehender Schlaf folgen sollten.
So wie viele Blumen bei Dunkelheit ihre Blüten schließen sollten die Menschen nachts ruhen und im Morgengrauen zu neuem Leben erwachen. Für gesund und lebensverlängernd erklärte Hufeland frühes Aufstehen und zeitiges Zubettgehen, für schädlich hielt er dagegen den Mittagsschlaf und sämtliche nächtliche Aktivitäten.
Ein viel beachtetes Experiment am National Institute of MentalHealth der USA spricht dagegen für die These, dass der mehrphasige Schlaf eigentlich eher der Natur des Menschen entspricht. So ließ der amerikanische Schlafforscher Thomas Wehr 1992 eine Gruppe Freiwilliger mehrere Wochen lang jeweils 14 Stunden pro Tag im Dunkeln verbringen. In dieser Zeit sollten sie so viel wie möglich schlummern. Ab der zweiten Woche zeigte sich, dass die Versuchspersonen in zwei Phasen schliefen: Sie lagen zunächst zwei Stunden wach, schliefen einige Stunden und waren dann ein bis drei Stunden wach, bis sie nochmals für mehrere Stunden einschliefen.
„Es ist ungeheuer beruhigend zu wissen, dass es normal ist, öfters aufzuwachen“, sagt Zulley. Allein dieses Wissen könne nämlich zur Entspannung beitragen und das Wiedereinschlafen erleichtern: „Enstpannung ist der Königsweg in den Schlaf“, betont der Wissenschaftler.
Durchschlafstörungen nicht verharmlosen
Dr. Tatjana Crönlein, Leiterin der Arbeitsgruppe Insomnie der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, warnt jedoch davor, Durchschlafstörungen zu verharmlosen. „Jeder gesunde Schlaf hat kurze Schlafunterbrechungen“, sagt sie. „Aber dennoch sind längere Wachzeiten nicht normal.“ Guter Schlaf sei in erster Linie durchgehender Schlaf. Wer sich mehrere Wochen tagsüber müde fühle, weil sein Schlaf von Wachzeiten zerstückelt werde, solle sich untersuchen lassen. Falls sich eine Insomnie, also eine Ein- oder Durschlafstörung, herausstellt, kann diese gut mit verhaltenstherapeutischen Maßnahmen behandelt, wie Crönlein sagt. Unter anderem rät sie, einen großen „Schlafdruck“ aufzubauen – das heißt, möglichst müde ins Bett zu gehen. Daher solle man bei Schlafstörungen auch auf einen Mittagsschlaf verzichten: „Patienten berichten zwar oft, sie würden mittags nur eine halbe Stunde schlafen, aber oft ist es dann doch viel länger. Dadurch nimmt man sich den abendlichen Schlafdruck.“
Bei Naturvölkern sind Ruhepausen am Tag verbreitet – möglicherweise sind sie eine Kompensation für weniger Schlaf in der Nacht. So beobachtete Worthman bei ihrer Studie, dass es bei solchen Ethnien üblich ist, bei Bedarf auch mal am Tag zu schlafen. Auch in Ostasien gilt ein Schläfchen am Tag als normal: In Japan ist es zum Beispiel gängige Sitte, in der U-Bahn oder bei Sitzungen kurz einzunicken.
Zulley hält eine Erholungspause am Tag für natürlich und gesund: „Der Mittagsschlaf gehört zum biologischen Programm des Menschen“, sagt er. „Danach sind wir um 35 Prozent leistungsfähiger.“ So falle die Leistungskurve gegen 14 Uhr nämlich stark ab. Aber auch er rät davon ab, länger als eine halbe Stunde zu schlafen. Sonst laufe man Gefahr, am Nachmittag müde zu sein und abends schlechter einzuschlafen. „Es reicht schon, eine Weile zu dösen“, sagt Zulley. „Ich selbst kippe mittags den Bürostuhl nach hinten und schalte für zehn bis 15 Minuten ab. Das reicht schon zur Erholung.“