Nach Ansicht des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) ist der Politik mit der Mittelschule, die seit 1. August die Hauptschule abgelöst hat, der große Wurf nicht gelungen. Das geht aus einer Studie des Verbandes hervor. Würde die Staatsregierung am dreigliedrigen Schulsystem festhalten, käme es zu einem massenhaften Hauptschulsterben. Nach der Prognose des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) sind bis zum Jahr 2030 40 Prozent der derzeit noch gut 1000 bayerischen Hauptschulen von der Schließung bedroht.
Im Kreis Aichach-Friedberg die Hälfte der Mittelschulen bedroht
Im Landkreis Aichach-Friedberg zum Beispiel könnten trotz Reform bald über die Hälfte der Mittelschulen in ihrer Existenz bedroht sein. Der Grund sind sinkende Schülerzahlen. Derzeit besuchen laut BLLV im Wittelsbacher Land 2572 Jugendliche eine Mittelschule. Laut Studie von den 13 Hauptschulen (Stand 2009) bereits im Jahr 2015 drei Mittelschulen von der Schließung bedroht. Sie könnten mangels Schülern keine siebten Klassen mehr bilden. 2020 würden sogar sieben Mittelschulen auf der Kippe stehen. Das entspräche 54 Prozent. Dabei ist für den BLLV der Erhalt der Mittelschule wichtig. Kreisvorsitzende Birgit Schubert: „Schüler wird es für diese Schulform immer geben.“
In Neuburg-Schrobenhausen stehen fünf Schulen auf der Kippe
Die Kreisvorsitzende räumt in Bezug auf die Studie ein: „Das muss noch genauer ausgearbeitet werden. Es sind ja nur Prognosen. Was genau in 20 Jahren sein wird, kann man nicht sagen.“ Sie hält es auch für denkbar, dass die demografische Kurve wieder nach oben zeigen könnte, wenn noch mehr für Familien getan wird. Allerdings gebe es jetzt schon sehr kleine Mittelschulen wie Sielenbach, für die man eine gute Lösung finden müsse. Auch im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen stünden in den kommenden Jahren mindestens fünf Mittelschulen auf der Kippe, zumindest drei davon sieht der BLLV sogar akut in Gefahr.
Manfred Zwerenz, Vizechef im Schulamt Aichach-Friedberg und Schulrat für Mittelschulen, weiß um die Gefahr für die kleinen Standorte, sieht aber eine Lösung: „Mittelfristig sind Schulverbünde die Chance, kleinere und wohnortnahe Standorte zu erhalten“, erklärt er. Vier solcher Schulverbünde gibt es im Landkreis. Dadurch könnten zu geringe Schülerzahlen in den wählbaren Zweigen Technik, Wirtschaft oder Soziales ausgeglichen werden. Jugendliche verschiedener Schulen könnten diesen Unterricht zusammen besuchen. Heuer musste diese Möglichkeit aber kaum in Anspruch genommen werden, da es noch genügend Schüler in den Kursen gegeben habe.
Sorge, ob man den Schülern noch gerecht werden kann
Der BLLV plädiert dagegen für eine Zusammenarbeit und Zusammenlegung von Mittel- und Realschule. Für Schubert muss das nicht auf Landesebene geschehen. Sie ist für regionale Lösungen, „denn nicht alle Gebiete sind von möglichen Schließungen betroffen“. Laut Schubert befürchten dabei aber viele Realschulleiter, dass man keinem Schüler mehr gerecht werden kann – weder den begabten Kindern noch denen mit höherem Förderbedarf.
Zwerenz glaubt nicht, dass eine Zusammenlegung von Mittel- und Realschule bald kommen wird: „Das ist ja auch eine Entscheidung der Politiker, und Kultusminister Ludwig Spaenle hat sich erst letztens zum dreigliedrigen Schulsystem bekannt.“ Aber: „Was die Zukunft bringt und wie sich die allgemeine Lage entwickelt, kann man nicht vorhersagen“, sagt Zwerenz.
"Mit der Rütli-Schule haben wir hier gar nichts zu tun"
Den Rückgang der Schülerzahlen an der ehemaligen Hauptschule führt er vor allem auf das nach außen vermittelte Bild zurück. Zwerenz sagt: „Mit der Rütli-Schule in Berlin haben unsere Schulen hier gar nichts zu tun. Das ist gar nicht vergleichbar. Wir haben anständige, junge Leute.“ Laut Zwerenz flacht der Schülerrückgang an den Mittelschulen inzwischen langsam ab, weil die Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt bessere Chancen hätten. Dies sei auch auf viele Maßnahmen zur Berufsorientierung zurückzuführen. Die Reform trage damit Früchte. „Wir sind auf einem guten Weg“, findet er. Während eine Gemeinschaftsschule im Wittelsbacher Land noch kein Thema ist, hat sich im Nachbarkreis Dachau eine Initiative gebildet. Eltern setzen sich in Odelzhausen für den neuen Schultyp ein. AZ