Das derzeit viel diskutierte Rauchverbot in Gasthäusern ist keine neue Erfindung: 1652 verbot die kurbayerische Regierung das Rauchen. Damit reagierte Kurbayern wie die meisten europäischen und deutschen Kleinstaaten auf den seit dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) immer stärker werdenden Tabakkonsum. Bis der Erlass aber bei den zuständigen Gremien der damaligen Städte und Märkte ankam, dauerte es. Teilweise wurde es auch absichtlich verzögert.
Der Aichacher Stadtrat erließ am 18. Juni 1655, ein "Tabackh Verbott" für die Gasthäuser der Stadt. In Rathausprotokoll von 1655 ist zu lesen: "Den Wirthen vnnd Preuen (Brauer) wirde bei 2000 Stain straff auftragen, kheinen Tabackh in Iren Heüsern zetrinkhen." (Den Begriff Rauchen gab es damals nicht, man nannte es "Tabak trinken".) Schon 1653 hatten die Aichacher Ratsherrn alle Krämer in der Stadt aufgefordert, keinen Tabak mehr anzukaufen und zu verkaufen. 1656 durfte Tabak nur mehr in Apotheken zur Bekämpfung von Krankheiten verkauft werden. Begründet wurde das Tabakverbot mit der Brandgefahr in den Häusern. Auch der extreme Gestank wurde angeführt. Trotz Geldbußen und kurzfristigen Gefängnisstrafen wurde das Verbot des Handels und Konsums von Tabak von den Bürgern und Bauern konsequent missachtet. Mit dieser Tatsache musste sich auch der bayerische Kurfürst abfinden.
1669 wurde beschlossen, den Tabak zu besteuern
Da die Leute sich das Rauchen nicht abgewöhnten und die Kaufleute mit dem importierten Tabak viel Geld verdienten, beschloss man 1669, den Tabak zu besteuern. Die bayerischen Kurfürsten, angefangen von Ferdinand Maria bis zu Karl Theodor, experimentierten mit Tabakmonopolen und Zöllen, um möglichst hohe Gewinne zu erzielen. Die bayerischen Kurfürsten des 17. und 18. Jahrhunderts strebten zeitweise Großmachtstatus an und hatten mit einem enormen Geldbedarf zu kämpfen.
Die Kaufleute und Untertanen machten ihnen aber häufig einen Strich durch die Rechnung: Trotz starker Kontrollen durch staatliche "Überreiter" (Kontrolleure für Zollwaren) und strenger Strafen blühte der Schmuggel in den grenznahen Orten. Bayern reichte damals an vielen Stellen nur bis an die Donau und den Lech.
In einem Protokoll des Landgerichts Schrobenhausen von 1670 an die Hofkammer kann man lesen, dass eine Krämerin aus Schrobenhausen ihren Tabak bei Bauern aus der westlichen Holledau bezog, ohne den Aufschlag zu bezahlen.
Anbau auch in Walchshofen, Grimolzhausen und Inchenhofen
Tabak wurde damals nicht nur in der heutigen Hopfenregion Holledau angebaut, sondern auch im großen Maße um Aichach herum, zum Beispiel in Walchshofen, Grimolzhausen und Inchenhofen. Weitere bekannte Anbaugebiete waren Thierhaupten und Landshut. Wie Recherchen im Aichacher Ortsteil Walchshofen ergaben, wurde dort noch Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg Tabak zum Eigengebrauch angebaut. Wer heute noch seinen eigenen Tabak anbauen will, darf bis zu 99 Pflanzen besitzen.
Geschmuggelt wurde auch über den Lech
Große Probleme hatte Kurbayern mit dem Schwarzhandel. Besonders die grenznahen Orte und Städte waren wichtige Umschlagsorte für das Genussmittel Tabak. Riesengroß war das Preisgefälle zwischen verzollter und geschmuggelter Ware, sodass Wirte und Händler sämtliche Moral über Bord warfen.
Der Aichacher "Tabak-Apaldo-Verweser" (Lizenznehmer), der Handelsmann Simon Aichner, schrieb im September 1737 der Tabak-Apaldo-Direction, dass der Konsum ziemlich gehemmt sei, weil Contrabanten den Visitator und die Amtsleute umgehen würden. Er prangerte an, dass über den Lech bei Rain und in der Aindlinger Gegend sowie durch das Pfälzische über Walda (nahe Pöttmes) und Langenmoosen "geschwärzt" (geschmuggelt) werde. Aichner bat den Subrevisor, Visitator und die Amtsleute zum schärferen Durchgreifen aufzufordern. Simon Aichner scheint offenbar recht schlampig gearbeitet zu haben und wurde deswegen regelmäßig nach München zitiert. Nach dem Tod von Simon Aichner heiratete der Handelsmann Hubmann dessen Witwe und übernahm die Geschäfte.
Welchen Stellenwert damals die Tabaküberreiter im Land hatten, zeigt eine lebensnahe Aufzeichnung des Schrobenhausener Tabakverwesers über Vorfälle in Aichach im Sommer 1729. Damals kam es dort zur ersten Tabakrevolution in Kur-Bayern (die zweite Revolte fand in Mindelheim statt). Nachdem sie anlässlich einer größeren Ansammlung von Landvolk, vermutlich eines Marktes oder Festes, in Aichach patrouilliert und Kontrollen vorgenommen hatten, begaben sich vier Überreiter auf einen Trunk zum dortigen Froschermayrbräu. Die Wirtsstube war voller "Zöchenter Paurn Pursch(en)", berichtet er. Diese provozierten die Kontrolleure sogleich wegen einer konfiszierten Pfeife und einer Ohrfeige. Die Stimmung wurde kritisch, und bald ging der Wirt "yber Sye yberreither in Völliger Furi hin vnd selbst mit gewalt grisgramment angetast vnd zur thür hinaus gestossen".
Die Kontrolleure fallen fast der Lynchjustiz zum Opfer
Draußen kam es dann durch eine Menge von 70 bis 80 Personen, angeblich unter Führung von Schreibern des Landgerichts Aichach, fast zur Lynchjustiz. Die Überreiter wurden misshandelt und als "Tobackh Schörganten" beschimpft. Schörg (bedeutet Scherge) war die Bezeichnung für Gerichtsdiener, die als Gefängniswärter und Folterknechte fungierten und gesellschaftlich geächtet waren. Als die Steuerkontrolleure in das Haus des örtlichen Tabakfaktors flüchteten, wurde dieses gestürmt. Vermerkt hat der Schrobenhausener Tabakverweser, dass die vier Überreiter mit dem Leben davongekommen sind.
Die im Jahre 1669 eingeführte Tabakbesteuerung wurde nach der eingeleiteten Staatsreform durch Kurfürst Max IV. Joseph und Graf Montgelas 1799 radikal abgesenkt, und 1802 fielen die letzten Tabakzollprivilegien für Manufakturen. Die späteren Zollerhöhungen unterlagen völlig veränderten politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen.
Mittlerweile ist in der Bundesrepublik die Tabaksteuer die ertragreichste Verbrauchersteuer nach der Mineralölsteuer und damit eine höchst wichtige Finanzquelle des Staates. (ech)
Die Ausstellung wird am Freitag, 2. Juli, um 18.30 Uhr im Aichacher Stadtmuseum, Schulstraße 2, eröffnet. Sie läuft bis 1. November. Die Öffnungszeiten sind: Donnerstag, Sonntag und an Feiertagen jeweils von 14 bis 17 Uhr. Führungen sind jeden ersten Sonntag im Monat. Gruppenbesuche sind jederzeit möglich nach Voranmeldung im Info-Büro der Stadt Aichach im Rathaus am Stadtplatz unter Telefon (0 82 51) 902-24.