Nachdem der Kamin in Trümmern lag, schlugen die Emotionen bei vielen Zuschauern hoch. Sie durchbrachen die Absperrung, und eine riesige Menschenmenge stürmte das Gelände. Viele Zaungäste nahmen Kaminziegel als Souvenir mit nach Hause. Einige waren sogar mit Schlitten angerückt, um Steinbrocken besser abtransportieren zu können.
Knapp 45 Minuten vor der um 14 Uhr angekündigten Sprengung begann die Aichacher Polizei mit den Absperrmaßnahmen. Die ersten Zuschauer stellten sich bereits eine Dreiviertelstunde vorher ein. Viele wollten einfach nur Augenzeuge des seltenen Ereignisses sein. Mit Wehmut schaute der ehemalige Aufsichtsrat Josef Huber aus Buxberg (Landkreis Dachau) durch das Absperrgitter. "Ich bedauere zutiefst den Abriss. Viele Jahre wurde das Werk aufgebaut und nun wird alles zerstört. Das Werk war einmal ein repräsentatives Bauwerk und Unternehmen der Stadt Aichach", bedauerte er den Niedergang. Auch der Besitzer des Geländes, Josef Reichenberger aus Ainring, schaute mit einem weinenden Auge zu.
"Die Leute haben lange für den Kamin arbeiten müssen und jetzt ist er mit einem Tusch weg. Man sieht hier die Vorgänge wie im Leben, alles ist vergänglich." Mit dem Abtrag des letzten Gebäudeteils soll laut Reichenberger aber nicht auch der Name Milchwerkgelände in der Versenkung verschwinden. "Auch wenn das ganze Areal jetzt einer anderen Nutzung zugeführt wird, so wird es den Namen ,Milchwerkgelände' beibehalten", so Reichenberger. Ein Teil des Kamins wird im Stadtmuseum einen repräsentativen Platz erhalten.
Mit Wehmut schaute auch Kaminkehrermeister Josef Mörmann aus Pöttmes in die Trümmer. Alte Erinnerungen wurden bei ihm wach. "Seit 1971 bis 1996 bin ich einmal im Jahr zur Inspektion bis an die Spitze des Kamins gestiegen. Das Werk war eine Institution und man hätte es erhalten sollen", sagte Mörmann und suchte im Schutt nach einem Tritteisen als Erinnerungsstück.
Für Sprengmeister Konrad Fink aus Pfullingen war die Sprengung des Milchwerkkamins eine leichte Übung. Der 81-jährige Chef der Firma "Fink-Sprengtechnik" ist in seinem Beruf eine Kapazität mit nahezu 60-jähriger Berufserfahrung. Zu seinen Referenzen zählt die Sprengung des 165 Meter hohen SWR-Fernsehturmes in Bad Mergentheim. Bei der Aktion in Aichach unterstützten ihn Sohn Christian und Oliver Herrmann als assistierende Sprengmeister. "Wir haben für die Vorbereitung einen Tag gebraucht." Konrad Fink zündete die Ladungen per Funk aus gesicherter Entfernung. Die von den Meisten erwartete Riesendetonation gab es aber nicht. Mehrere Explosionen peitschten durch die Luft, und in wenigen Sekunden war der Kamin Geschichte.
Mit dem Kamin ist nicht das komplette Milchwerk entfernt. Im Boden schlummern Kellerfundamente, die zügig ausgebaut werden sollen.