Von Gerald Lindner
Was haben Kartoffelsuppe und Bücher gemeinsam. Eigentlich nichts – aber zum 75. Jubiläum der Gersthofer Stadtbibliothek wurde diese Suppe serviert als Speise, welche die armen Menschen im Jahr 1937 aßen. Dass beim Festakt dennoch aber Bücher und Medien in den Mittelpunkt rückten, dafür sorgte nicht zuletzt ein literarisch-politisches Quartett, besetzt mit Stadträten der vier Fraktionen.
Bürgermeister Jürgen Schantin verwies auf den Umstand, dass im Gründungsjahr der „Volksbücherei“ in der Pestalozzischule 1937 die Nationalsozialisten an der Macht waren. „Daher feiern wir heute kein Jubiläum, sondern einen 75-jährigen Weg.“ Als nach dem Krieg alle Nazi-Bücher aus dem Bestand entfernt worden waren, hatte die Bücherei im Jahr 1946 nicht einmal mehr 200 Werke im Regal und musste daher zeitweise geschlossen werden. Seit 1949 wurden bis heute mehr als 3,4 Millionen Entleihungen gezählt.
Schantin erinnerte an die erste Büchereileiterin Charlotte Bodenschatz. Unter den Festgästen war ihre Nachfolgerin Marianne Schöttl, die von 1960 bis 2001 für die Bücherei verantwortlich war. Im Jahr 2001 übernahm die heutige Leiterin Ingrid Gölitz ihre Aufgabe. Seit 2003 haben die Medien ihren Platz im neuen Ballonmuseums-/Stadtbibliotheksbau. Derzeit umfasst der Bestand der Bibliothek 40000 Medien, der jährliche Etat beläuft sich auf 50000 Euro. 3200 aktive Mitglieder leihen jährlich knapp 170000 Medien aus. „Es wurde eine sehr attraktive Bildungseinrichtung mit Wohlfühlcharakter und vielen Veranstaltungen geschaffen“, so Schantin.
Ein wichtiger Teil seines Berufslebens ei die Gersthofer Einrichtung auch für ihn, bekannte Klaus Dahm, der Leiter der Landesfachstelle für das Öffentliche Bibliothekswesen in München. Dahm erinnerte daran, dass nicht zuletzt in Zeiten des zunehmenden „Lese-Zappings“ ein Erfolg wie derjenige der Gersthofer Bibliothek, kein Selbstläufer sei, sondern erkämpft werden müsse. Bei allem Lob hatte Dahm auch Wünsche: So sollten mehr Internetplätze und eine W-Lan-Verbindung eingerichtet werden, längere Öffnungszeiten seien wünschenswert.
Neben den Festreden kam auch noch die Literatur selbst zum Zug – in Form eines politisch-literarischen Quartetts: Mit „Der 100-Jährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ siegte Eva Rösner (Grüne/GBU/FDP) in der Zuhörergunst über Reinhold Dempf (FW) mit Bruno Jonas’ „Mir san mir oder wie die Bajuwaren entstanden“, Klaus Greiner (SPD) mit Thea Dorn/Richard Wagners „Die deutsche Seele“ und Erwin Fath (CSU) mit Paolo Coelhos „Der Zahir“. Schlager aus der Zeit der Bibliotheksgründung und später servierte das Duo „Cat’s Music“.