Ewald Schwendemann steht am Fuß eines Lärmschutzwalls bei Streitheim. Dieser soll die Geräusche der Autobahn A8 abschirmen. In seinen Händen hält er ein Messgerät, das den Lärmpegel bestimmt. Die Anzeige schwankt hin und her. Die kleinste Zahl ist 54 Dezibel – also etwa so laut wie ein Gespräch zwischen zwei Menschen – die höchste 65. So laut ist es ungefähr in einer vollen Kantine. Gut 20 Meter über ihm ist eine Tür in eine Wand eingelassen, die auf dem Wall thront. Diese Tür strebt Schwendemann nun an. Oben angelangt öffnet er sie und hält das Mikrofon hinaus. In acht Metern Tiefe rauschen Autos und Laster vorbei. Als er die Tür öffnet, steigt der Lärm abrupt an. 74 Dezibel zeigt das Gerät nun.
Schwendemann ist 71 Jahre alt, sein Haus steht nur 150 Meter von dem Wall entfernt. Vom Fenster in seinem Esszimmer kann man über Streitheim blicken. Die Aussicht ist malerisch. Steht man allerdings vor dem Gebäude und dreht den Kopf in die andere Richtung, schaut man genau auf die riesige, graue Betonwand, die die Autobahn begrenzt.
Anwohner glauben, dass ihre Beschwerden nicht ernstgenommen werden
„Vor dem Autobahnausbau war es bei uns manchmal so laut, dass man sich im Sommer gar nicht im Garten aufhalten konnte“, sagt er. Mit dem Umbau sei das zwar ein bisschen besser geworden, doch er sorgt sich, dass der alte Lärmpegel zurückkehrt, sobald die Geschwindigkeitsbegrenzung fällt. Denn das sieht die Baugenehmigung so vor. Momentan dürfen die Autos bei Streitheim nur 120 Stundenkilometer fahren. Und: „Die Autobahn ist breiter geworden. Früher war die gesamte Straße nur so breit wie heute eine Richtungsfahrbahn“, sagt der 71-Jährige. Außerdem reiche der Lärmschutz nicht aus. Denn im Westen des Ortes fällt der Wall sanft ab und lässt eine Schneise frei. So kann sich der Schall ungehindert ausbreiten. „Der Wall hätte deutlich weiter in den Westen gebaut werden müssen“, sagt Schwendemann.
Einer von Schwendemanns Leidensgenossen ist Ulrich Sippl. Das Haus des 49-Jährigen steht im Osten von Streitheim, und auch er hat Probleme mit dem Lärm der vorbeifahrenden Autos. „Wenn der Wind aus Osten kommt, ist es so laut, dass mein ältester Sohn in seinem Zimmer fast nicht schlafen kann“, sagt er. Denn im Osten von Streitheim hört die Lärmschutzwand mit dem letzten Haus einfach auf. Nach Sippls Meinung müsste sie deutlich länger sein. Denn über den Hügel bei Adelsried dringe der Schall direkt in den Ort. „Aber wenn wir uns beschweren, und sagen, dass es lauter ist als vorher, bekommen wir immer nur zu hören, das sei nur ein Gefühl“, ärgert sich Sippl.
Die Autobahndirektion hatte vor Baubeginn aufwendige Berechnungen durchgeführt, wie hoch die Lärmbelastung durch die neue A8 voraussichtlich sein wird und wie deswegen der Lärmschutz ausfallen muss. Es gibt Vorschriften, die angeben, bis zu welchem Grenzwert Anwohner den Lärm ertragen müssen. Sippls Haus steht in einem Wohngebiet, dort dürfen es tagsüber höchstens 59 Dezibel sein, so laut wie eine Nähmaschine, und nachts 49, die Lautstärke von Regen. In Mischgebieten, in dem etwa das Haus von Ewald Schwendemann steht, liegen sie am Tag bei 64 Dezibel und in der Nacht bei 54.
Experten haben den Lärmdurchschnitt für alle Häuser berechnet
Um festzustellen, ob der Wert überschritten wird, haben Experten im Auftrag der Autobahndirektion Südbayern für jedes Fenster in jedem Haus berechnet, wie hoch der Lärm dort im Durchschnitt sein wird. Wo der Wert überschritten wurde, gab es Lärmschutzfenster. In die Berechnung floss mit ein, aus welcher Richtung der Wind kommt, wie das Haus liegt und wie viele Fahrzeuge am Tag vorbeifahren. Die Parameter seien so gewählt, dass sie von den ungünstigsten Bedingungen ausgehen, um den größten Schutz für die Anwohner zu erzielen, erklärt Josef Seebacher von der Autobahndirektion.
In Streitheim ärgern sich die Menschen über das Verfahren. „Es wird nur vom Durchschnitt ausgegangen und gemessen hat niemand, nur berechnet“, sagt Ulrich Sippl. Schwendemann stimmt ihm zu: „Papier ist geduldig.“ Dass der Lärm variiert, sei den Behörden egal, merkt Sippl an. Wie es weitergehen soll, wissen die Männer nicht. Sie wollen abwarten, wie sich die Gemeinde Zusmarshausen verhält.
In der Nachbargemeinde Adelsried ist man schon einen Schritt weiter, dort holt Bürgermeisterin Erna Stegherr-Haußmann bereits Honorarangebote von Gutachtern ein. Denn auch dort beschweren sich Anwohner über den Lärm. Stegherr-Haußmann: „Bei uns hat sich die Situation verändert. Seit dem Neubau kommen die Geräusche vor allem aus dem Osten. Adelsried liegt im Tal, der Schall holt uns immer wieder ein.“