Der ehemalige Marktgemeinderat Werner Heim hat allen Grund, auf seinen Großcousin stolz zu sein: Der renommierte Forscher Andre Geim hat im Jahre 2010 den lang ersehnten Nobelpreis für Physik erhalten. Und seine Entdeckung des Materials Graphen könnte in der Tat die Technikgeschichte revolutionieren, denn diese neuartige Kohlenstoffverbindung scheint der Superstoff schlechthin zu sein: So ist er härter als Diamant und gleichermaßen leicht wie eine Daunenfeder. Der Wissenschaftler hat es damit zu weltweiter Anerkennung gebracht, doch der Stadtberger Pensionär hat seinen berühmten Verwandten noch niemals zu Gesicht bekommen.
Die Gründe dafür erschließen sich erst auf den dramatischen Fährten seiner Familiengeschichte, die sich nicht weniger spannend darstellen als die Jagd nach dem zukünftigen Supermaterial. Heim hatte in akribischer Kleinarbeit Ahnenforschung betrieben und dabei nicht nur seine eigene Vorgeschichte ans Tageslicht gebracht. Bereits über seinen Vater Theo Heim ließen sich zahlreiche Bücher füllen. Der wolgadeutsche Lehrer wurde im Krieg von der Roten Armee eingezogen, doch hatte er in all den Jahren keinen einzigen Schuss abgefeuert. Er konnte sich vielmehr als Bildermaler für die Amerikaner durchschlagen. Später schrieb er eine Fachkunde für Elektriker, die bis in die Technikschulen Venezuelas Einzug gefunden hatte.
Werner Heim erinnert sich augenzwinkernd an die alten Anekdoten: „Es ist beinahe wie Ludwig Thoma auf Russisch.“ Heim wohnt seit 1964 in Stadtbergen und setzt den traditionellen Ideenreichtum seiner Vorfahren in bemerkenswerter Weise fort: Der Rentner ist Gründungsmitglied der Partnerschaftsvereins Stadtbergen, engagierter Politiker und einfallsreicher Poet, arbeitet am Bildschirm als Übersetzer und auf der Leinwand als Landschaftsmaler.
Und sein berühmter Großcousin? Der letzte Kontakt zu diesem Familienzweig bestand vor über 60 Jahren. Der Forscher promovierte am Institut für Festkörperphysik in Russland, erhielt über ein halbes Dutzend internationale Auszeichnungen und hat sogar schon einen Frosch zum Schweben gebracht. Letztes Jahr wurde ihm schließlich als erstem Deutschrussen der Nobelpreis zugesprochen. Sein Familienname sollte eigentlich ebenfalls „Heim“ lauten, doch an der Wolga hatte man schlichtweg Probleme damit, ein „H“ auszusprechen. Andre Geim hatte deutsche Eltern, ist in Russland geboren, besitzt die niederländische Staatsbürgerschaft und wohnt heute in England. Der Physiker versteht sich selber schlichtweg als Weltbürger. Werner Heim drückt es humorvoll aus: „Er braucht schneller als jeder andere einen neuen Pass!“
Auf die Frage, ob auch er ein Interesse am Forschungsgebiet seines Großcousins hat, lacht Werner Heim und nickt: „Ich bin Elektromeister von Beruf.“ Nun hofft er auf ein Treffen mit seinem berühmten Verwandten. Und er ist zuversichtlich: „Er wird mit Sicherheit bald kommen, nachdem jetzt Mutter und Bruder hier leben“. Damit würden sich ein engagiertes Multitalent und ein wissenschaftliches Genie begegnen. Und eine neue Verbindung schaffen, die vielleicht stärker zusammenhält als Kohlenstoffatome.