Patrick Klein ist ein bescheidener Typ. Im Mittelpunkt steht er äußerst ungern. Auf Leute zugehen, das musste er erst lernen. Der 24-Jährige hält sich lieber im Hintergrund. An einem kalten Märztag im letzten Jahr ging das aber nicht. Da musste er zupacken. Er tat es – und rettete einer jungen Frau das Leben. Weil er die 18-Jährige vor dem Selbstmord bewahrt hat, wird er morgen mit der Christophorus-Medaille ausgezeichnet.
Patrick Klein arbeitet seit knapp zwei Jahren bei Auto Reichhardt in Haunstetten. An diesem Tag im März 2012 ist er im Auftrag des ADAC mit dem Abschleppwagen nach Gessertshausen unterwegs. „Es war schön, aber saukalt“, erinnert er sich. Er fährt von der Rumplerstraße auf die B17, verlässt sie bei der Ackermannstraße und bleibt als Erster mit seinem großen, gelben Fahrzeug an der Ampel Richtung Diedorf stehen. Auf der Brücke beobachtet er eine Frau. „Sie stand einfach so da, hat Löcher in die Luft gestarrt, sich auf das Brückengeländer gelehnt“, erzählt der Kfz-Mechatroniker. Etwa acht Meter Luftlinie trennen die beiden. Deshalb kann Klein erkennen, dass sie „sehr hübsch“ ist. Und auch, dass sie anfängt zu weinen. Richtig heftig zu weinen, der ganze Körper wird vom Leid, das sie quält, geschüttelt. Die Ampel, für ihre langen Phasen bei Klein verhasst, steht immer noch auf Rot. Hinter Klein warten inzwischen 30, 40 Autos.
Die Frau klettert über das Geländer, knapp zehn Meter unter ihr tost der Verkehr über den Dayton-Ring. Klein schaltet die Warnblinkanlage seines Abschleppwagens ein und steigt aus. Nähert sich der Brücke, der Frau. Langsam. „So, wie man das aus Filmen kennt“, sagt er. Im wirklichen Leben ist er das erste Mal in einer solchen Situation. „Was machst du denn für einen Schmarrn?“, fragt er sie und sie antwortet: „Geh weg oder ich springe.“ Sie sitzt auf dem Geländer der Brücke. Er steht etwa drei Meter hinter ihr. Plötzlich stößt sie sich ab, steht auf dem äußersten Rand der Brücke und hält sich mit nach hinten gestreckten Armen fest. So tippelt sie weg von ihm in Richtung Brückenmitte. Klein vorsichtig hinterher.
„Nimm meine Hand“, sagt er leise zu ihr. „Geh weg oder ich springe“, antwortet sie wieder. „Dann ging alles ganz schnell“, erzählt der junge Mann. „Sie war irgendwie weg, starrte nur noch nach unten.“ Er macht zwei große Schritte auf sie zu, bekommt den Arm um ihren Bauch gelegt, hält die Frau mit der anderen Hand an der Lederjacke fest. Sie wehrt sich heftig. Klein, der groß und durchtrainiert ist und schon als Türsteher in München gearbeitet hat, muss alle Kraft aufwenden, um die über 1,70 Meter große Frau über das Geländer zu zerren. Halb trägt, halb schleift er sie zum Abschleppwagen, sperrt sie in die Fahrerkabine ein – und sieht sich einem Dienstausweis der Polizei gegenüber.
„Und was haben Sie jetzt vor?“, fragt ihn der Beamte. „Ich dachte, das kann nicht wahr sein, jetzt krieg ich auch noch Ärger“, erzählt der sympathische junge Mann und lacht.
Aber der Beamte hat alles beobachtet. Zusammen rufen sie eine Streife. Die nimmt die Frau, die inzwischen völlig ruhig und in sich zusammengesunken in dem ADAC-Auto vor sich hin weint, in Gewahrsam.
Einen Tag später ruft ihre Mutter bei Patrick Klein an, bedankt sich „gefühlte 400 Mal“. Liebeskummer habe die Tochter zu dieser Wahnsinnstat getrieben.
Die 18-Jährige meldet sich zwei Wochen später bei ihm per SMS und lädt ihn zum Essen ein. Aber Klein lehnt dankend ab. „Ich wollte keinen Ärger mit meiner Freundin“, sagt er und grinst.
Die Dame vom ADAC, die vorgestern bei ihm anrief und sagte, dass er die Christophorus-Medaille bekommt, fragte er im ersten Moment ganz erstaunt: „Wofür bekomme ich eine Medaille?“ Patrick Klein ist ein sehr bescheidener Typ.