Irgendwann stellt Richter Karlheinz Haeusler die Frage: „Kann es sein, dass die AVA ein Selbstbedienungsladen war?“ Einige Zuschauer im Gerichtssaal nicken. Der Mann im Zeugenstand, ein früherer Mitarbeiter des Müllofens, antwortet ausweichend. Er sagt: „Sie haben doch gelesen, was in der Zeitung steht.“ Gestern, am vierten Verhandlungstag, wird im Prozess um die AVA-Affäre vor allem eines deutlich: Intrigen und Ränkespiele waren in der Abfallverwertungsanlage offenbar an der Tagesordnung. Und: Die Frage, was man vom dort angelieferten Material einfach so mit nach Hause nehmen darf, wurde offensichtlich sehr locker gehandhabt.
Im Mittelpunkt des vierten Prozesstags stand gestern vor allem der angeklagte Betriebsrat. Ihm wird von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, er habe Dokumente, welche die Kündigung eines Mitarbeiters betreffen, unrechtmäßig einem Kollegen gezeigt. Das wäre ein Verstoß gegen das Betriebsverfassungsgesetz. Die Ermittler vermuten, der Betriebsrat habe belastendes Material gegen unliebsame Mitarbeiter gesammelt, um es bei Bedarf gegen diese Personen zu nutzen.
Ein Holzlager, aus dem sich Mitarbeiter bedienten
Mehrere Zeugen, unter anderem der frühere AVA-Chef Walter Michale, sagten dazu aus. Konkret ging es um den Fall eines Mannes, der zum technischen Leiter der AVA aufsteigen sollte. Als plötzlich Fotos auftauchten, die ein Holzlager zeigten, welches Mitarbeiter mit seiner Erlaubnis angelegt und sich daraus munter bedient hatten, konnte er seine Aufstiegspläne abhaken. Die belastenden Fotos hatte ein entlassener Mitarbeiter geschossen, der seinem einstigen Chef den Aufstieg missgönnte. Die Bilder schickte er der Staatsanwaltschaft, dem nun angeklagten Betriebsrat und dem Chef des Aufsichtsrats, Aichach-Friedbergs Landrat Christian Knauer.
Es war, so viel wurde gestern deutlich, beileibe nicht der einzige Fall, in dem sich missgünstige Kollegen gegenseitig anschwärzten. Zahlreiche Fälle kamen gestern zur Sprache: unter anderem der Diebstahl von zur Vernichtung bestimmten, beschlagnahmten Zigaretten, der Diebstahl von Benzin und ein Betrug bei der Arbeitszeiterfassung. Außerdem kletterten Mitarbeiter in einen Müllbehälter, in dem übergroße Schuhe gebunkert wurden, die ebenfalls verbrannt werden sollten. Die Mitarbeiter machten sich dann einen Spaß daraus, mit diesen großen Schuhen zu posieren.
Schabernack verbaut einem Angestellten den Aufstieg
Einem der damals Beteiligten verbaute dieser Schabernack prompt den Aufstieg zum Schichtleiter in dem Müllofen. Als er sich für die Stelle bewarb, tauchten plötzlich die Fotos wieder auf, auch beim Aufsichtsrat. Und die Geschäftsführung sah keine Möglichkeit mehr, ihn zu befördern. Die AVA stand damals unter Druck, weil die Affäre um illegal verbrannte Aktivkohlefilter publik geworden war. „Wir wollten uns nichts vorwerfen lassen“, begründete Walter Michale die strenge Personalpolitik in dieser Zeit.
Inwiefern der angeklagte Betriebsrat in all diese Intrigen verwickelt war, blieb gestern unklar. Die belastenden Fotos besaß der Angeklagte jedoch. Und ein Mitarbeiter aus der Personalabteilung zitierte eine Aktennotiz, in der davon die Rede war, der Betriebsrat habe Informationen benutzt, um Mitarbeiter nach seinem Willen zu beeinflussen. Die Angeklagte selbst bestreitet nach wie vor die Vorwürfe.
Ebenfalls ein Thema waren gestern Nacktfotos, die der zweite Angeklagte von Mitarbeiterinnen aufgenommen hat. Eine der Frauen sagte, sie habe die Fotos zwar nicht gewollt, sich aber auch nicht richtig gewehrt. „Ich war labil und habe immer das gemacht, was man zu mir gesagt hat“, sagte die Frau. Heute könne sie nicht mehr nachvollziehen, weshalb sie sich damals auf Oben-ohne-Fotos am Arbeitsplatz einließ. Die Zeugin schilderte auch, dass sie von dem Angeklagten, ihrem Chef, öfter begrapscht wurde. Inzwischen habe sie aber damit abgeschlossen. Sie wolle nicht, dass ihr Ex-Chef deshalb noch bestraft wird.