Die verschiedenen Vorgaben für Alkoholverkauf an Tankstellen sorgen weiter für dicke Luft bei den Pächtern. Seit elf Tagen ist die Augsburger Lösung in Kraft: Sie sieht vor, dass nach 20 Uhr überhaupt kein Alkohol mehr an Tankstellen verkauft wird. Doch das Verbot ist nicht verbindlich, sondern eine Empfehlung oder ein „dringender Appell“, wie es Ordnungsreferent Volker Ullrich nennt. Vor allem Tankstellenbetreiber in der Innenstadt halten sich nicht an die Selbstverpflichtung.
Fußgängern und Radlern wird kein Alkohol verkauft
Sie fürchten um ihr Geschäft und setzen weiterhin auf die bayernweite Verordnung. Die sieht zumindest den Verkauf von geringen Mengen an „Reisende“, also an Auto- und Motorradfahrer vor. Fußgänger und Radler bekommen nichts. Beim großen Andrang am Wochenende ist diese Lösung zwar schwer praktikabel, aber die Pächter sehen keinen anderen Weg.
„Viele Kunden reagieren aggressiv, wenn sie nicht mehr als zwei Liter Bier bekommen“, sagt einer. Den Vorschlag, komplett auf den Verkauf zu verzichten, könne er rein finanziell nicht stemmen. „Es geht hier schließlich um Arbeitsplätze und zuletzt auch um meine Existenz.“ Seitdem die bayernweite Regelung in Kraft ist (Juni 2012), mache er jedes Wochenende rund 6000 bis 7000 Euro weniger Umsatz, rechnet ein anderer vor. Einige Kollegen würden ernsthaft daran denken ans Aufhören.
Absurd und fern der Realität
Der Ordnungsreferent zeigt Verständnis für die Unternehmer. Schließlich halte auch er die Unterscheidung zwischen Autofahrern und Radlern für „absurd“ und fern von der Lebensrealität. Gerade deswegen habe er den Betreibern auch vorgeschlagen, die Vorgabe zu umgehen, indem sie nach 20 Uhr einfach überhaupt nichts abgeben. Vor einem Jahr hatte Ullrich mit einer ähnlichen Selbstverpflichtung gute Erfahrungen gemacht. Die Stadt hatte mit dem Großteil der 32 Tankstellen damals vereinbart, nach 22 Uhr keinen Schnaps mehr zu verkaufen. Damit wollte die Stadt Alkoholexzesse gerade von jugendlichen Nachtschwärmern in der Innenstadt einzudämmen. Denn die holten sich an Tankstellen immer wieder günstigen „Nachschub“.
Nur die wenigsten Betreiber wollen den absoluten Verkaufsstopp ausüben
Doch den absoluten Verkaufsverzicht nach 20 Uhr wollen anscheinend die wenigsten Betreiber üben. Anreize oder Sanktionen, um sie umzustimmen, hat Ullrich nicht. Gerüchte, er übe indirekt Druck aus, indem etwa das Gesundheitsamt oder die Gewerbeaufsicht bei verkaufswilligen Tankstellen öfter kontrollieren, dementiert Ullrich klar. „Solche Spielchen gibt es mit mir nicht.“
Ullrich hat nach eigenen Aussagen noch keinen Überblick darüber, an welcher Tankstelle welche Vorgabe gilt. Diese Woche will er die Pächter anschreiben, um sich ein Bild zu verschaffen. Mit diesen Eindrücken will er kommenden Samstag beim Treffen der CSU-Kreisvorsitzenden in Ingolstadt für eine neue bayernweite Lösung eintreten, die nachts ein einheitliches Verkaufsverbot an Tankstellen vorsieht – ab 22 Uhr (wie in Baden-Württemberg) oder ab 20 Uhr. Dort könnte er auf Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer treffen, die eine neue Regelung in Angriff nehmen müsste.