Dienstag, 21. Februar 2017

22. April 2014 00:39 Uhr

Konzert

Avantgarde zur Sterbestunde

Das berühmte Hilliard Ensemble löst sich nach 40 Jahren auf. Ihre Abschiedstournee führte nach Augsburg. Die Sänger haben ein Faible für das Alte und das Neue in der Musik Von Manfred Engelhardt

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Ein Werk, wie auf seinen Leib geschrieben – mit den ungewohnten Tönen von Arvo Pärts „Passio“ begleitete das Hilliard Ensemble die Sterbestunde Christi. In der voll besetzten Anna-Kirche gestalteten die außergewöhnlichen Sänger die Johannes-Passion des zeitgenössischen Grüblers aus Estland. Spezialisiert auf mittelalterliche Musik sowie Klänge der Avantgarde werden die Hilliards bald selbst Legende sein: Die berühmte englische Gruppe löst sich nach 40 Jahren auf. Zusammen mit Michael Nonnenmachers vorzüglichem Madrigalchor wurde das Konzert auf der Abschiedstournee zu einem Ereignis.

Dabei hatte „Ereignis“ nichts mit dramatischer Opulenz zu tun, eher zwang Pärts Werk zur Verinnerlichung. Den lateinischen Text des Evangelisten Johannes leitet Pärt in der 1982 komponierten „Passio Domini Nostri Jesu Christi Secundum Joannem“ durch die Klangkammern seiner minimalistischen Tonsprache. Das scheinbar Einfache basiert auf hoher Kunstfertigkeit. Die von Ganztönen bestimmte diatonische Anlage erzeugt durch ihre Wiederholungen und den innehaltenden Grundgestus ein eigenes Wahrnehmen.

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Im Mittelpunkt – Pärts spektakuläre Erfindung – stehen die Partien der Evangelisten: Die Christi Leidensstationen erzählenden Passagen sind nicht wie bei Bach und anderen barocken Meistern einem einzigen Sänger anvertraut, sondern werden von vier Stimmen vorgetragen: im Ensemble vermischt, solistisch oder in Zweier-/Dreierpaarung. Dazu errichten ein Instrumentalquartett (Violine, Cello, Oboe, Fagott) und die mit präzisem Raffinement registrierte Orgel (Christopher Bowers-Broadbent) ein grafisch pointiertes Geflecht aus Klangflächen und Linien. Sie helfen mit austarierten Akzenten, die Vokalbögen und -bewegungen der Evangelisten zu verbinden, oder sie schweigen, wenn Mary Seers (Sopran), David James (Countertenor), Roger Covey-Crump (Tenor) und der überragende Bariton von Gordon Jones mit ihren Vokalkünsten allein den Raum füllen.

Die Durchmischung des Evangelisten-Parts, der auch von dissonanten Tonhäufungen, von Reibungen verschiedener Dur-Moll-Sequenzen geprägt ist, wird letztlich immer in eine ausschwingende Ruhe geführt. Die Rollen eines auffallend helltönig-jugendlichen, distanzierten Pilatus (Steven Harrolds Tenor) und des charismatisch-sonoren Christus (Robert Macdonald, Bass) sind in den Gesamtstrom eingebaut. Mit einem fast ekstatischen Durakkord des ganzen Apparats, einschließlich der vorzüglich gesungenen Chor-Volkspassagen durch den Madrigalchor, klingt die Passion aus. Dass die überragende Präzision und Ausdruckskraft der Hilliards das konzentrierte Publikum stark beeindruckt hatten, war auch im Schweigen am Konzertende spürbar.

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