Eine Brecht-Biografie, welche die umwälzenden neueren Forschungen berücksichtigt, ist überfällig. Der Glücksfall will es, dass gegenwärtig gleich zwei Professoren an Brecht sitzen: Jan Knopf (Karlsruhe) und Stephen Parker (Manchester). Im Brechthaus referierten sie am Mittwochabend über ihre durchaus gegensätzlichen Ansätze und Erkenntnisse. Die Stichworte lieferte Privatdozent Jürgen Hillesheim.
Zunächst: Parkers Biografie wird 2013 erscheinen und wohl ein Jahr später auf Deutsch vorliegen (eventuell beim Berlin Verlag). Jan Knopfs Opus soll bereits im Juni/Juli 2012 bei Hanser herauskommen, mit Register 630 Seiten stark. Eines seiner Hauptprobleme war: „Was lasse ich weg?“ Ursprünglicher Umfang seiner Biografie: 1200 Seiten!
Parker wird Neues vor allem über den kranken Brecht liefern: organisches Herzleiden, rheumatisches Fieber, urologische Probleme. BB sei, so der englische Professor, viel kränker gewesen, als man bisher wusste. Parker nimmt als Leitfaden für die Erhellung von Brechts Werk (auch für die Erfindung des epischen Theaters) die „ganz eigene künstlerische Sensibilität“ des Dichters; diese Sensibilität sei ohne Krankengeschichte nicht zu verstehen. Parkers Hauptfrage: „Wie kommt bei BB das Leiden mit dem Schreiben zusammen?“ Ihm fiel auf, „wie kämpferisch Brecht war“, was ihn „sehr unbequem“ machte.
Auf die Beschwerden führt der Biograf u. a. „Abwehrmechanismen“ des Dichters zurück – gegen Gefühlsverwirrungen. BB habe eine Überempfindlichkeit gegenüber sinnlichen Wahrnehmungen gezeigt; so sei für ihn das Anhören von Bachs Matthäuspassion ein Problem gewesen, weil er Angst hatte, es nehme sein Herz zu sehr mit.
Gesellschaftliche Zwänge im ästhetischen Modell
Ganz anders setzt Jan Knopf an, nicht mit Brechts Krankheiten, sondern mit der „gesellschaftlichen Kränkung“, den gesellschaftlichen Zwängen, die (so schon Marx) dem Menschen zur zweiten Natur geworden seien. Ebendiese Zwänge in ästhetischen Modellen „wieder wahrnehmbar zu machen, ist ein durchgängiges Thema von Brecht“.
BB musste „gegen die Gesellschaft leben“; davon konnte sein Werk nicht unberührt bleiben. Zumal in den Lehrstücken legt er Rollendiktate offen und zielt auf die Einheit von Vergnügen und Einsicht. – Ein Zweites: BB habe als einer der Ersten erkannt, dass er in einer Mediengesellschaft lebt. Er strebte nach Medienpräsenz, etwa mit Songs und Liedern, auch mit der „Mahagonny“-Oper (Knopf: „Da ist Feuer drin“). In frühen Jahren, so der Karlsruher Professor, habe Brecht umfassend „das Handwerk geübt“. Daraus erkläre sich die Vielstimmigkeit seines Werkes.
Der Mensch als Sozialwesen bestimmt Knopfs materialistischen Ausgangspunkt. Gegen Stephen Parker war sein Satz gerichtet: „Man kann nur gegen ein großes Leiden ein großes Werk schaffen.“ Parker seinerseits will auch Brechts Bürgerlichkeit erkunden, die Psychologie des bürgerlichen Individuums mit der Zeitgeschichte verknüpfen, ohne dabei den Dichter zu entpolitisieren.
Beide Biografen haben neue Fakten angekündigt (was Hand in Hand geht mit der Korrektur vieler umlaufender Falschaussagen) – zur Krankheitsgeschichte; zu Brechts Pressionen unter dem DDR-Regime (Parker); zu seiner kollektiven Arbeitsweise, seiner Flucht aus Deutschland, zur Familie Brecht (Knopf)...