Samstag, 16. Dezember 2017

01. Dezember 2017 07:59 Uhr

Augsburg

Brechtfestival 2018: Patrick Wengenroths zweites Jahr mit Brecht

Der Berliner Patrick Wengenroth ist in Augsburg schon heimisch geworden. Die ständige Auseinandersetzung mit BB wird ihm nicht langweilig. Im Gegenteil!

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Trainingsanzüge sind sein modisches Markenzeichen: Patrick Wengenroth im vergangenen Brechtfestival.
Foto: Ulrich Wagner

Entspannt und geduldig sitzt Patrick Wengenroth im Café. Gerade erst hatte seine Christa-Wolf-Produktion am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin Premiere. Die beiden Wochen danach war er zu Hause bei den Kindern in Berlin, weil Wengenroths Frau Friederike Heller in Dresden ein Stück inszenierte. „Die Familie erdet“, sagt Wengenroth. Er möchte das nicht missen. Sonst hebe man als Theatermann, als Regisseur, als Festivalleiter ab, sonst befinde man sich immer irgendwo da oben zwischen all den Gedanken, Stücken und Stoffen.

Nun sitzt Wengenroth in einem Café in Augsburg. Das Brechtfestival 2018 wirft langsam einen immer größeren Schatten. Die große Programm-Pressekonferenz steht kurz bevor. Im Gegensatzpaar von Egoismus und Solidarität hat Wengenroth sein zweites Festival thematisch verortet. Einer der prägenden Brecht-Sätze für die Ausgabe vom 23. Februar bis zum 4. März 2018 lautet: „Mich lähmt das Morgen und dies unverbindliche Heut! So sitzend zwischen noch nicht und schon nicht mehr, glaub ich nicht, was ich denk!“ Er möchte mit diesem Thema auch die gesellschaftliche Entwicklung widerspiegeln, die Menschen, die sich etwas Anderes wünschen, eine andere Politik, eine andere Welt, ein anderes Leben.

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Was Außenstehenden auffällt: Der politische Dauerstreit im Augsburger Stadtrat um das Festival ist beigelegt. So wenig störende Nebengeräusche wie in den letzten beiden Jahren gab es in den mehr als zehn Jahren des Festivals noch nie. Wengenroth muss sich nicht um die Augsburger Stadtpolitik sorgen, er kann machen.

Grandhotel Cosmopolis spielt bei Brechtfestival 2018 eine Rolle

Wengenroth bestellt Kaffee und einen frisch gepressten Orangensaft. In seinem Terminkalender für diesen Tag stehen ein paar Stunden Arbeit vom Brechtbüro und ein Treffen mit dem Grandhotel Cosmopolis aus. Wenn Wengenroth in der Stadt ist, trifft er sich immer mit den lokalen Partnern des Festivals, natürlich den Mitarbeitern des Theaters Augsburg, aber eben auch dem Grandhotel Cosmopolis, das im nächsten Festival eine Rolle spielen wird, oder den Machern des Sensemble Theaters. Typische Festivalleiterarbeit.

Rathausplatz, Kahnfahrt und Lieblingskneipe: Wo sich Bertolt Brecht in Augsburg überall aufgehalten hat, sehen Sie hier in der Video-Stadtführung.

Wegen des Festivals beschäftigt sich Wengenroth nun im zweiten Jahr intensiv mit Bertolt Brecht. Eine so lange Strecke nur mit einem Autor zu arbeiten, das kommt für einen Theatermenschen wie ihn sonst nicht vor. Ihm bereitet das aber weder Überdruss noch anderweitige Erschöpfungserscheinungen. „Brecht ist ein Gegenstand, der nicht langweilig wird. Ständig mache ich Entdeckungen, finde ich Gedanken, die zur Gegenwart passen“, sagt er.

Im Trainingsanzug ist Wengenroth zu dem Gespräch gekommen. Das ist sein modisches Markenzeichen, so hat man ihn auch bei seinem ersten Festival gesehen. Er erzählt, dass er jetzt, mit 41 Jahren, anderswo nicht mehr als Jung- oder Nachwuchs-Regisseur präsentiert werde. In Augsburg fördert er jetzt als Festivalleiter diejenigen, die nachkommen. Im vergangenen Jahr war das zum Beispiel das Autorenduo Jakob Nolte und Michael Decar. Beide haben die Schreibwerkstatt veranstaltet. Ersterer stand jetzt mit seinem zweiten Roman auf der Longlist zum deutschen Buchpreis, zweiterer wartet dieser Tage gerade auf die Uraufführung seines Stück „Philipp Lahm“ im Marstall des Münchner Residenztheaters. Man merkt Wengenroth an, dass ihn der Erfolg der anderen freut.

Brechtfestival 2018: Programm wird bald bekanntgegeben

Im kommenden Festival hat Wengenroth den deutsch-koreanischen Schriftsteller Bonn Park (*1987) für die Autorenwerkstatt eingeladen. Er kommt ins Schwärmen, wenn er über den jungen Dramatiker spricht, dessen Humor, dessen Qualität. Über das kommende Programm möchte er noch nicht zu viel verraten. Anders als im Frühjahr angekündigt, könnte es sein, dass Wengenroth gar nicht selbst mit einem eigenen Beitrag vertreten ist. „Das hat sich so ergeben“, sagt er. Wobei da noch ein Fragezeichen mitschwingt. Festgezurrt ist noch nicht alles. Es habe ja auch sein Gutes, wenn er im Festival auf aktuelle Ereignisse reagieren könne, etwa die Situation nach der Bundestagswahl.

Vor der großen Festival-Programmpräsentation im Dezember stehen bei Wengenroth noch Umbesetzungsproben einer Produktion in Karlsruhe an. Ein Schauspieler des Karlsruher Ensembles ist für die „Linke“ in den Bundestag gewählt worden. Ein neuer Akteur muss die Rolle übernehmen. Als Wengenroth das Stück in Karlsruhe einstudiert hatte und er oft zwischen Karlsruhe und Augsburg pendelte, fiel ihm auf, wie vertraut ihm Augsburg geworden ist. „Eine zweite Heimat“, sagt er. Aber jetzt muss er weiter. Es sind schon wieder zwölf neue Mails eingelaufen. Die Organisationsarbeit ruft.

In unserer Bildergalerie sehen Sie einen Rückblick auf die lange Brechtnacht im vergangenen Jahr. 2017 spielten zum Beispiel Isolation Berlin und Mine:

 

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