Der vor einer Woche bei einem Schusswechsel in Augsburg getötete Polizist Mathias Vieth (41) ist gestern in seinem Heimatort Königsbrunn südlich von Augsburg beigesetzt worden. Etwa 300 Trauergäste, darunter die Belegschaft seiner Polizeiinspektion, gaben ihm teils unter Tränen das letzte Geleit. Auch Innenminister Joachim Herrmann (CSU) wohnte der Trauerfeier bei.
Mehrere Beamte aus Vieths Dienststelle trugen den Sarg ihres Kollegen von der Aussegnungshalle zum Grab. Seine Witwe wurde von den beiden Söhnen (13 und 17) gestützt. Auf Wunsch der Hinterbliebenen sprachen auf der Trauerfeier zwei Vorgesetzte, die Vieth persönlich gut gekannt hatten. Die Frage nach den Tätern stelle sich am Tag des Begräbnisses nicht. „Heute ist nicht der Tag für Fragen oder Hass, sondern für den Abschied“, so Vieths Inspektionsleiter.
Dort galt der Beamte als Vorbild. „Als mich vor einigen Wochen ein junger Kollege fragte, was einen guten Polizisten ausmache, habe ich ihm gesagt, er solle sich an Mathias orientieren“, so einer der Polizisten. Vieth habe – aus Sorge um seine Familie – stets eine kugelsichere Weste getragen, auch wenn das im Sommer beschwerlich war. „Aber es ging ihm um die Sicherheit seiner Familie, damit er wieder nach Hause kommt.“ Zu den Kollegen aus seiner Dienstgruppe scheint er ein enges Verhältnis gehabt zu haben. In die ungefährlichere ständige Tagschicht wollte er jedenfalls nicht wechseln.
Der Mord am Augsburger Polizisten Mathias Vieth
Der Augsburger Polizeibeamte Mathias Vieth wird am frühen Morgen des 28. Oktober 2011 im Augsburger Siebentischwald von unbekannten Tätern erschossen.
Der Streifenbeamte und seine Kollegin wollen an diesem Freitagmorgen gegen drei Uhr auf einem Parkplatz am Augsburger Kuhsee ein Motorrad mit zwei Männern kontrollieren.
Die beiden Verdächtigen flüchten sofort in den nahen Siebentischwald, die Beamten nehmen mit ihrem Streifenwagen die Verfolgung auf.
Im Wald stürzen die Motorradfahrer. Dann kommt es zu einem Schusswechsel zwischen Beamten und Tätern. Der 41-jährige Polizeibeamte wird trotz Schutzweste tödlich am Hals getroffen, seine Kollegin durch einen Schuss an der Hüfte verletzt.
Die Täter flüchten. Eine anschließende Großfahndung, an der sich mehrere hundert Polizeibeamte beteiligen, bleibt ohne Erfolg.
Die Augsburger Polizei richtet noch am gleichen Tag eine Sonderkommission ein. Der Soko "Spickel", benannt nach dem Augsburger Stadtteil, in dem die Tat geschah, gehören zunächst 40 Beamte an.
Zwei Tage nach dem Polizistenmord geben die Ermittler bekannt, dass das Motorrad der beiden Täter in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober 2011 im Stadtgebiet von Ingolstadt gestohlen worden war. Dabei wurde die rund 15 Jahre alte Honda kurzgeschlossen.
Drei Tage nach dem tödlichen Schusswechsel rückt die Polizei erneut mit einem Großaufgebot im Augsburger Spickel an. Taucher von Polizei und Feuerwehr suchen in den Kanustrecken des Eiskanals nach Gegenständen.
Am 3. November wird Mathias Vieth bestattet. Am gleichen Tag stockt die Polizei die Soko "Spickel" auf 50 Beamte auf. Zugleich wird die Belohnung, die zur Aufklärung des Polizistenmordes ausgesetzt ist, auf 10.000 Euro erhöht.
Ein Abgleich von DNA-Spuren, die am Tatort gesichert werden konnten, mit der bundesweiten DNA-Datenbank ergibt laut Polizei keinen Treffer.
Am 7. November findet im Augsburger Dom die offizielle Trauerfeier für Mathias Vieth statt. Auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann nimmt an ihr teilt.
Zehn Tage nach dem Augsburger Polizistenmord greift die Sendung "Aktenzeichen XY" den Fall auf. Zwar gehen daraufhin mehrere Hinweise ein, eine heiße Spur ist aber nicht darunter.
Dezember 2011: Die Belohnung für Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen, wird auf insgesamt 100.000 Euro erhöht.
Am 29. Dezember 2011 nimmt die Polizei in Augsburg und Friedberg zwei Verdächtige fest. Es handelt sich um die Brüder Rudi R. (56) und Raimund M. (58). Schnell wird bekannt: Der Jüngere hat bereits 1975 einen Augsburger Polizisten erschossen.
Nach der Festnahme entdecken die Fahnder etliche Waffen und auch Sprengstoff. Belastet wird einer der Verdächtigen durch DNA-Spuren, die am Tatort gefunden wurden.
Auf die Spur der beiden Männer kamen die Ermittler über ein Fahrzeug. Der Wagen war in Tatortnähe beobachtet worden. Im Zuge der Ermittlungen stellte sich heraus, dass die beiden Brüder des Öfteren mit diesem Wagen unterwegs waren.
Mitte Januar ergeht auch Haftbefehl gegen die Tochter von Raimund M.. Bei ihr wurden Anfang Januar drei Schnellfeuergewehre und acht Handgranaten gefunden, die ihr Vater und dessen Bruder Rudi R. versteckt haben sollen.
Im Juli 2012 wird die Tochter von Raimund M. verurteilt. Das Gericht spricht sie wegen Verstößen gegen das Waffen- und Kriegswaffengesetz, wegen Geldwäsche, Hehlerei und Diebstahl schuldig.
August 2012 Die Augsburger Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen die Brüder Raimund M., 60, und Rudi R., 58, wegen Mordes am Polizisten Mathias Vieth. Außerdem listet die Anklage fünf Raubüberfälle auf.
Es zeichnet sich ein Mammutprozess ab. Das Landgericht Augsburg setzt mehr als 49 Verhandlungstage an.
21. Februar 2013: Der Mordprozess gegen die Brüder beginnt unter großen Sicherheitsvorkehrungen - und mit einem Eklat. Rudi R. beschimpft den Staatsanwalt als "Drecksack".
August 2013: Das Gericht hat den Mordkomplex abgearbeitet und beginnt mit der Beweisaufnahme zu den Raubüberfällen. Viele Beobachter rechnen mit einem Mordurteil.
September 2013: Ein Gutachter stellt fest, dass sich M.s Gesundheitszustand nach 15-monatiger Isolationshaft so verschlechtert hat, dass er verhandlungsunfähig ist.
November 2013: Das Gericht setzt den Prozess gegen M. aus. Er bleibt vorerst in Haft. Gegen seinen Bruder Rudi R. wird normal weiterverhandelt.
Februar 2014: Rudi R. wird zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht sieht bei ihm eine besondere Schwere der Schuld und ordnet die anschließende Sicherungsverwahrung an.
September 2014: Der neue Prozess gegen Raimund M. beginnt.
Februar 2015: Der Bundesgerichtshof bestätigt das Augsburger Urteil gegen Rudolf R.
Einen Schuss aus seiner Waffe hatte Vieth bis zum Freitag nie abgegeben. Einzige Ausnahme war ein verletztes Tier, das erlöst werden musste. Vieth lernte seinen Buben zuliebe das Angeln, auch wenn er mit dem Hobby eigentlich nicht so viel anfangen konnte. In der Pfarrgemeinde spielte er den Nikolaus, hielt als einziger Mann unter lauter Kommunionsmüttern sogar den Kommunions-Vorbereitungsunterricht ab.
Auch Kollegin war unter den Trauergästen
Unter den Trauergästen war auch die 30 Jahre alte Kollegin von Mathias Vieth, die die Schießerei vor einer Woche (siehe Infokasten) mit einem Streifschuss überlebt hatte. Sie hatte einen schweren Schock erlitten, scheint inzwischen aber etwas stabiler zu sein.
Eine offizielle Trauerfeier ist für kommenden Montag im Augsburger Dom geplant. Die Busse und Straßenbahnen der Augsburger Stadtwerke werden um 15 Uhr an den Haltestellen für eine Minute stehen bleiben.
Bei der Suche nach dem Mörder kommt die Polizei nicht voran
Unterdessen scheint die Polizei bei der Suche nach dem Mörder und seinem Komplizen nicht weiterzukommen. Bei der 50 Mann starken Sonderkommission gingen mittlerweile mehr als 300 Hinweise ein. Eine heiße Spur scheint bislang aber nicht darunter zu sein. Ob eine am Freitag in Tatortnähe gefundene Waffe auch die Tatwaffe ist, ist weiter unklar.
Es gilt als wahrscheinlich, dass die Täter eine zweite Waffe dabei hatten, auch wenn die Polizei das nicht offiziell bestätigt. Zu diesem Thema warte man noch auf technische Gutachten, genauso wie zur Frage nach DNA-Spuren, so die Polizei. Die Polizei hat inzwischen eine Belohnung von 5000 Euro für entscheidende Hinweise zur Ergreifung der Täter ausgelobt. Von privater Seite wurde gestern noch mal der gleiche Betrag für Hinweise in Aussicht gestellt.