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Uraufführung: Der Ton umrundet den ganzen Turm

Uraufführung

Der Ton umrundet den ganzen Turm

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    Unter anderem Werke von Schostakowitsch, Vaja Azaraschwili und Ernst Bloch spielen die Mitglieder der Bayerischen Kammerphilharmonie in der Synagoge.
    Unter anderem Werke von Schostakowitsch, Vaja Azaraschwili und Ernst Bloch spielen die Mitglieder der Bayerischen Kammerphilharmonie in der Synagoge. Foto: agt

    Der Höhepunkt stand am Anfang des „1000 Töne“-Programmes der Bayerischen Kammerphilharmonie am Sonntagabend in der Augsburger Synagoge: die Uraufführung „É.TEMEN.AN.KI“ (Haus der Fundamente von Himmel und Erde) von Manuela Kerer. Die 31-jährige Komponistin hat es exakt für die Jugendstilsynagoge und ihren Nachhall geschrieben. Sie versetzte sich „gewissermaßen in das innere und äußere Ohr des Turms“, schrieb sie dazu. Ein grandioser Einfall – und gerade der wunderbar plastische Beginn mit seinen auf den Saiten „erklopften“ Klängen und Glissando-Kurven versprach viel.

    Hundertprozentig halten konnten es die folgenden Abschnitte allerdings nicht. Trotzdem: die klangliche Raffinesse, das Wissen um die Wirkung, die Einbindung der Musik in den Ort und seine Akustik waren sehr gekonnt. Wunderbar wirkte der Einfall, die Musiker in „N-Dimensional“ im Gebetssaal um das Publikum zu postieren und die Hörer durch diesen Surround-Effekt ins Innere des Turms zu versetzen. Die Kammerphilharmonie spielte exzellent, sicher bis in grelle Flageoletthöhen, zu einem vieleinigen Gesamtklang verschmolzen. Die Beifallsrufe waren verdient.

    Meisterschaft in Technik und Interpretation

    Mit traumhafter Präzision begann das Cellokonzert von Vaja Azarashvili (*1936): Die Pizzicatotropfen und flirrenden Höhen, die die einsetzende Cellokantilene rahmten, gelangen jeweils wie aus einem Guss. Nun bedeutet Perfektion nicht automatisch gute Musik. Im Falle der Bayerischen Kammerphilharmonie gingen in ihrem „un-er-hört“-Konzert anlässlich des „Festivals der 1000 Töne“ mit seinem diesjährigen Motto „Heimat Babylon“ interpretatorische, technische und kammermusikalische Meisterschaft Hand in Hand.

    Rudolf Barschais kammersinfonische Fassung des „den Opfern von Faschismus und Krieg“ gewidmeten achten Streichquartett von Dmitri Schostakowitsch war – ganz im Sinne des Komponisten – grausam gut gespielt: Beharrlich hielt die erste Geige (Gabriel Adorján) trotz der brutalen Orchestergewalt ihren Halteton bei. Doch der Terror hörte nicht auf, schlug unvermutet zu. Nach diesem sicherlich autobiografischen Largo war die damalige Lebensmüdigkeit des Komponisten verständlich. Das verklärende, mit der Signatur-Tonfolge DSCH versehene Finale klang rückblickend, summarisch, nach Abschied.

    Cellist Maximilian Hornung als Idealbesetzung

    Die Kammerphilharmonie, die an diesem Abend in reiner Streicherformation auftrat, gestaltete die orchestrale, also räumlich-eindringliche Variante des ursprünglich intimen Bekenntnisses erschütternd intensiv, die filmmusikalisch ausladenden Klangebenen in Azarashvilis Cellokonzert packend aus dem Vollen geschöpft. Die Monodie des 1973 entstandenen, mehrteiligen Einsätzers klingt nach den Gesängen aus Azarashvilis Heimat Georgien. Sie mündet nach herabfallenden Streicherstrahlen in ein synkopiertes Saus und Braus, das Dauerparlieren vor dem wie anfangs sphärischen Schluss wurde durch eine tänzerische Hemiole gewürzt.

    Die rezitativischen Strecken, die Idylle einerseits und die rasante Virtuosität verlangen vom Solisten Vielseitigkeit. Maximilian Hornung war eine Idealbesetzung. Der 1. Solocellist des BR-Symphonieorchesters spielte makellos, überragend, mit herrlich lyrischem, warmem Ton – so auch in Ernest Blochs nachdenklich sprechendem, ein wenig zu klassisch gegebenem „Prayer“ (aus „From Jewish Life“), der in der Streichorchesterfassung (Alfredo Antonjni) wie Kantor- und Gemeindegesang klang.

    Komponist und Interpret Am heutigen Dienstag, 15. November, um 19.30 Uhr im Kleinen Goldenen Saal ist erneut eine Uraufführung von Manuela Kerer zu hören, nämlich „Friduscal“ für Cellosextett nach Bachs Choral Du Friedensfürst Herr Jesus Christ, außerdem „dolce malinconia“ für Celloquartett, „mg15“ für Klarinette und Streichtrio sowie ein Streichquartett. Eintritt frei.

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