Die Schilderung erreicht ihren grauenhaften Höhepunkt, als Diana K. berichtet, wie ihr Kollege Mathias Vieth in der Nacht zum 28. Oktober 2011 aus dem Streifenwagen aussteigt, losrennt, seine Waffe zieht und schreit: „Polizei! Hinlegen oder ich schieße.“ Dann fällt der erste Schuss. Kurze Pause. Dann eine Vielzahl von Schüssen aus dem Hinterhalt. An dieser Stelle, an der das Inferno in voller Lautstärke losbricht und die Bilder jener Nacht wieder schmerzhafte Aktualität bekommen, da versagt Diana K. zum einzigen Mal die Stimme.
Eine Minute lang ist kein Hüsteln im Gerichtssaal zu hören. Die 31-jährige Polizeibeamtin atmet schwer, ihre Anwältin Marion Zech drückt sie am Arm. Es ist ein schwerer Gang. Dann erzählt Diana K. mit zittriger Stimme weiter: Wie sie in den Streifenwagen zurückrennt, auf einmal einen stechenden Schmerz an der linken Hüfte verspürt, über Funk mitteilt, dass es einen Schusswechsel gibt, wie sie wieder hochschaut und ihren Kollegen am Boden liegen sieht, sodann eine Person sich aufrichten sieht und drei oder vier Schüsse abgibt. Wie dann Ruhe einkehrt und auf einmal immer mehr Polizisten zum Tatort im Augsburger Siebentischwald kommen. Wie sie zu ihrem toten Kollegen geht. „Er lag da wie ein Embryo“, sagt sie.
Ein Schuss trifft das Reservemagazin von Diana K.
Es sind beklemmende Augenblicke im Schwurgerichtssaal. Diana K. ist die einzige Augenzeugin des Augsburger Polizistenmordes. Die Täter schießen auch auf sie. Fast wird sie ebenfalls getötet. Eine Kugel trifft ihr Reservemagazin, eine ihrer Patronen zündet. Sie erleidet eine schwere Prellung.
Das alles ist 16 Monate her. Lange ist die Beamtin dienstunfähig, seit einiger Zeit arbeitet sie wieder. Vor dem Tag, an dem sie in den Zeugenstand treten muss, ist ihr bang.
Am Donnerstagnachmittag ist es so weit. Die Polizeiobermeisterin betritt den Saal. Sie kaut auf den Lippen. Der Weg führt sie direkt an den mutmaßlichen Mördern ihres Kollegen vorbei. Spezialkräfte des Polizei-Unterstützungskommandos bewachen Rudi R. und Raimund M. Sie beobachten jede Handbewegung und jedes Zucken der als äußerst gefährlich eingestuften Angeklagten. Die Zeugin nimmt Platz, ihre Anwältin setzt sich rechts von ihr so hin, dass es keinen direkten Blickkontakt zu dem Brüderpaar gibt.
Diana K. wollte Erste Hilfe leisten
Dann fängt Diana K. tapfer an zu erzählen. Die Nachtschicht neigt sich schon bald dem Ende zu. „Matze machte den Vorschlag, noch eine Runde um den Kuhsee zu drehen.“ Eine verhängnisvolle Idee. Denn Mathias Vieth sieht, wie jemand auf den südlichen Parkplatz des Naherholungsgebiets fährt. Sie wollen das Fahrzeug kontrollieren. „Es war ein Motorrad mit laufendem Motor, daneben standen zwei Männer“, berichtet die Polizeibeamtin.
Als Vieth die beiden anspricht, schwingen sie sich fast gleichzeitig aufs Motorrad und flüchten. Es kommt zu einer Verfolgungsjagd über das Lechwehr „Hochablass“. Auf einem Waldweg stürzen die beiden Motorradfahrer. „Ich hatte mich schon darauf eingestellt, Erste Hilfe zu leisten“, sagt Diana K. Doch als die beiden Streifenpolizisten stoppen, nimmt das Schicksal seinen Lauf.
Keine konkreten Angaben zu den Mördern
Der Mord am Augsburger Polizisten Mathias Vieth
Der Augsburger Polizeibeamte Mathias Vieth wird am frühen Morgen des 28. Oktober 2011 im Augsburger Siebentischwald von unbekannten Tätern erschossen.
Der Streifenbeamte und seine Kollegin wollen an diesem Freitagmorgen gegen drei Uhr auf einem Parkplatz am Augsburger Kuhsee ein Motorrad mit zwei Männern kontrollieren.
Die beiden Verdächtigen flüchten sofort in den nahen Siebentischwald, die Beamten nehmen mit ihrem Streifenwagen die Verfolgung auf.
Im Wald stürzen die Motorradfahrer. Dann kommt es zu einem Schusswechsel zwischen Beamten und Tätern. Der 41-jährige Polizeibeamte wird trotz Schutzweste tödlich am Hals getroffen, seine Kollegin durch einen Schuss an der Hüfte verletzt.
Die Täter flüchten. Eine anschließende Großfahndung, an der sich mehrere hundert Polizeibeamte beteiligen, bleibt ohne Erfolg.
Die Augsburger Polizei richtet noch am gleichen Tag eine Sonderkommission ein. Der Soko "Spickel", benannt nach dem Augsburger Stadtteil, in dem die Tat geschah, gehören zunächst 40 Beamte an.
Zwei Tage nach dem Polizistenmord geben die Ermittler bekannt, dass das Motorrad der beiden Täter in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober 2011 im Stadtgebiet von Ingolstadt gestohlen worden war. Dabei wurde die rund 15 Jahre alte Honda kurzgeschlossen.
Drei Tage nach dem tödlichen Schusswechsel rückt die Polizei erneut mit einem Großaufgebot im Augsburger Spickel an. Taucher von Polizei und Feuerwehr suchen in den Kanustrecken des Eiskanals nach Gegenständen.
Am 3. November wird Mathias Vieth bestattet. Am gleichen Tag stockt die Polizei die Soko "Spickel" auf 50 Beamte auf. Zugleich wird die Belohnung, die zur Aufklärung des Polizistenmordes ausgesetzt ist, auf 10.000 Euro erhöht.
Ein Abgleich von DNA-Spuren, die am Tatort gesichert werden konnten, mit der bundesweiten DNA-Datenbank ergibt laut Polizei keinen Treffer.
Am 7. November findet im Augsburger Dom die offizielle Trauerfeier für Mathias Vieth statt. Auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann nimmt an ihr teilt.
Zehn Tage nach dem Augsburger Polizistenmord greift die Sendung "Aktenzeichen XY" den Fall auf. Zwar gehen daraufhin mehrere Hinweise ein, eine heiße Spur ist aber nicht darunter.
Dezember 2011: Die Belohnung für Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen, wird auf insgesamt 100.000 Euro erhöht.
Am 29. Dezember 2011 nimmt die Polizei in Augsburg und Friedberg zwei Verdächtige fest. Es handelt sich um die Brüder Rudi R. (56) und Raimund M. (58). Schnell wird bekannt: Der Jüngere hat bereits 1975 einen Augsburger Polizisten erschossen.
Nach der Festnahme entdecken die Fahnder etliche Waffen und auch Sprengstoff. Belastet wird einer der Verdächtigen durch DNA-Spuren, die am Tatort gefunden wurden.
Auf die Spur der beiden Männer kamen die Ermittler über ein Fahrzeug. Der Wagen war in Tatortnähe beobachtet worden. Im Zuge der Ermittlungen stellte sich heraus, dass die beiden Brüder des Öfteren mit diesem Wagen unterwegs waren.
Mitte Januar ergeht auch Haftbefehl gegen die Tochter von Raimund M.. Bei ihr wurden Anfang Januar drei Schnellfeuergewehre und acht Handgranaten gefunden, die ihr Vater und dessen Bruder Rudi R. versteckt haben sollen.
Im Juli 2012 wird die Tochter von Raimund M. verurteilt. Das Gericht spricht sie wegen Verstößen gegen das Waffen- und Kriegswaffengesetz, wegen Geldwäsche, Hehlerei und Diebstahl schuldig.
August 2012 Die Augsburger Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen die Brüder Raimund M., 60, und Rudi R., 58, wegen Mordes am Polizisten Mathias Vieth. Außerdem listet die Anklage fünf Raubüberfälle auf.
Es zeichnet sich ein Mammutprozess ab. Das Landgericht Augsburg setzt mehr als 49 Verhandlungstage an.
21. Februar 2013: Der Mordprozess gegen die Brüder beginnt unter großen Sicherheitsvorkehrungen - und mit einem Eklat. Rudi R. beschimpft den Staatsanwalt als "Drecksack".
August 2013: Das Gericht hat den Mordkomplex abgearbeitet und beginnt mit der Beweisaufnahme zu den Raubüberfällen. Viele Beobachter rechnen mit einem Mordurteil.
September 2013: Ein Gutachter stellt fest, dass sich M.s Gesundheitszustand nach 15-monatiger Isolationshaft so verschlechtert hat, dass er verhandlungsunfähig ist.
November 2013: Das Gericht setzt den Prozess gegen M. aus. Er bleibt vorerst in Haft. Gegen seinen Bruder Rudi R. wird normal weiterverhandelt.
Februar 2014: Rudi R. wird zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht sieht bei ihm eine besondere Schwere der Schuld und ordnet die anschließende Sicherungsverwahrung an.
September 2014: Der neue Prozess gegen Raimund M. beginnt.
Februar 2015: Der Bundesgerichtshof bestätigt das Augsburger Urteil gegen Rudolf R.
Während Diana K.s Aussage verhalten sich die angeklagten Brüder wie bisher schon sehr unterschiedlich: Raimund M. starrt zu Boden und wirkt wie paralysiert. Rudi R. ist aktiv, er spricht mit seinen Verteidigern, macht sich Notizen.
Konkrete Angaben zu den beiden Mördern ihres Kollegen kann Diana K. nicht machen. Sie schildert, dass der Motorradfahrer „zügig und sicher“ unterwegs gewesen sei. Dass die beiden Personen auf sie den Anschein jüngerer Menschen gemacht hätten. Die Täter waren vermummt, trugen Helme, wahrscheinlich Sturmhauben. Der Sozius hatte eine Cargohose an und eine Winterjacke.
Und eine große dunkle Tasche hätten die Täter dabei gehabt. Das ist ein wichtiges Detail, denn in einem Versteck von Rudi R. und Raimund M. stellten die Ermittler einen großen dunklen Seesack sicher. Daran wurden Blutspuren von Mathias Vieth gefunden und am Gurt DNA-Spuren von Rudi R.
Das Gericht nimmt Taschen in Augenschein. Fast alle Prozessbeteiligte kommen an den Richtertisch. Auch Rudi R. Zwei Bewacher verfolgen angespannt jede seiner Bewegungen. Er steht jetzt nur drei Meter von Diana K. entfernt.
Als alle wieder sitzen, beantragt Rechtsanwältin Marion Zech, dass für die weitere Aussage die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird. Gegen den Willen von Rudi R. und seinen Verteidigern beschließt das Gericht diese Maßnahme. Aussagen zur psychischen Verfassung der Polizeibeamtin und zu ihrer Privatsphäre seien nicht von überwiegendem öffentlichen Interesse. Gegen 16.30 Uhr hat Diana K. das Schlimmste hinter sich und einen weiteren Schritt in der Aufarbeitung des traumatischen Erlebnisses gemacht.
"Es sah aus wie auf dem Schlachtfeld"
Der Polizistenmord in Augsburg - der tragische Fall in Bildern
Stunden zuvor. Mehrere Rettungssanitäter und ein Kriminalhauptkommissar beschreiben, wie sie den Tatort wenige Minuten nach den Schüssen vorgefunden haben. Einer der Rettungsassistenten berichtet, auf der Anfahrt zum Tatort habe es „wie auf dem Schlachtfeld“ ausgesehen. Jegliche Wiederbelebungsversuche waren erfolglos, sagen die Sanitäter.
Ein Kommissar der Augsburger Kripo, der als einer der Ersten am Tatort war, versuchte ebenfalls, den Kollegen Mathias Vieth zu reanimieren. „Ich habe ihn auf den Rücken gedreht, ihm die Schutzweste ausgezogen und mit der Herzdruckmassage begonnen“, erzählt er. Aber es war zu spät. Bei einer ersten äußeren Leichenschau mit einem Rechtsmediziner habe er mindestens sieben Treffer im Körper des toten Polizeibeamten entdeckt.
Diana K. stand nach übereinstimmender Aussage aller Zeugen unter schwerem Schock. „Die war völlig durch den Wind“, sagt ein Rettungsassistent. Man habe nicht nachgefragt, was genau passiert sei.
Alle drei Sanitäter sagen, sie hätten eine schwarze Tasche am Weg gesehen. Das gibt Rätsel auf. War das dieselbe Tasche, die später im Versteck der Brüder gefunden wurde? Oder eine andere? Waren die Täter noch in der Nähe, als die ersten Polizisten am Tatort eintrafen? Haben sie am Ende gar die Tasche auf der Flucht mitgenommen?