Samstag, 27. August 2016

15. Juli 2014 00:35 Uhr

Porträt

Frauke Frechs Schönheitssalon

Die Berliner Künstlerin zieht von Stadt zu Stadt, um das Zusammenleben zu erkunden. Zurzeit lebt sie im Grandhotel. Ihren Blick auf Augsburg setzt sie in Performances um

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Friseure schneiden nicht nur Haare, oft dienen sie auch als Kummerkasten ihrer Kunden, kennen deren ganzes Leben. Am 26. Juli kann es andersherum laufen: Da kann man sich zwar im Domviertel in die Hände von Schönheitsexperten aus fernen Ländern begeben, sich Haare, Bart oder Make-up „richten“ lassen. An diesem Tag soll es aber weniger um das Leben der „Kunden“ gehen, sondern um das Leben der anderen – und diese anderen sind Asylbewerber, die im Grandhotel wohnen. Woher kommen sie, was gilt dort als schön? Aber auch: Warum mussten sie fliehen, wie sehen sie ihr Leben in Deutschland? „The Grand Beauty Salon“ heißt die Performance.

Initiiert wurden sie und andere in den kommenden Tagen von Frauke Frech, einer Berliner Künstlerin, die seit Ostern im Augsburger Grandhotel lebt. Der Aufenthalt ist Teil eines mehrjährigen Projekts mit dem Titel „Mein ganz privates Deutschland“; vorherige Station war Berlin-Lichtenberg, nächste wird Chemnitz sein. Auslöser für das Wagnis war Frechs Erkenntnis, dass sie das Land, aus dem sie stammt, kaum kennt. An zwei Stationen pro Jahr geht es ihr darum, auszuloten, wie die Menschen leben in Deutschland, was sie bewegt, was sie miteinander teilen.

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Für Augsburg, wohin sie durch eine Berliner Freundin mit Augsburger Wurzeln geriet, hatte sie viele Ziele: Um den Einfluss der Kirchen auf das Leben der Menschen sollte es gehen, um Integration und um Leistungsdruck und Bildungsungleichheit an Gymnasien. Doch als die 32-Jährige nach Augsburg kam, in eine Stadt mit einem höheren Migrantenanteil als Berlin, noch dazu ins kosmopolitische Grandhotel, erkannte sie schnell: „Inklusion ist das Augsburg-spezifische Thema.“ Die Frage dahinter ist für sie: „Zu welchen Bedingungen sind Menschen bereit, andere als Ebenbürtige an der Gesellschaft teilhaben zu lassen?“ Eine spannende Frage für die Stadt, die sich Friedensstadt nennt, die ihr Programm zum Friedensfest heuer unter das Motto „Heimat“ stellte, in deren Beschaulichkeit der viel zitierte soziale Friede gar keine Frage ist – doch in der die Menschen auch oft nebeneinanderher statt miteinander leben.

Nicht so im Grandhotel. Frech wohnt da in einem winzigen Zimmer im 4. Stock zusammen mit anderen Künstlern und der Guineerin Kadiatou Camara, die hierher kam, um ihren schwerstkranken Sohn zu pflegen (wir berichteten). Sie war Solokünstlerin, nun ist sie Teil des Grandhotels, einer sozialen Plastik, mit einer für Außenstehende nicht überschaubaren Menge von Bewohnern, Künstlern, Helfern, Gästen.

Und das ist gut so: „Ich wollte, dass es auch an meine eigene Substanz geht. Mich leitet, dass man eigentlich immer etwas mehr teilen kann, als man es gerade tut.“ Und zwar nicht nur Geld oder materielle Dinge, sondern Kommunikation, Zuhören, Mitfühlen. „Mein ganz privates Deutschland“ ist aber kein Selbsterfahrungstrip. Es ermöglicht auch anderen die intensive Auseinandersetzung mit dieser Frage.

Frauke Frech (kein Künstlername!) ist in Leipzig aufgewachsen, hat Kunst in Kiel und Genf studiert, wandte sich früh der Performance zu und dann schnell dem Ziel, ihre Kunst nah ans Alltägliche zu holen. Sie will unmittelbar berühren, die Distanz aufheben, die Menschen nur allzu leicht gegenüber der Kunst entwickeln, will in sie dringen und den elitär künstlerischen Rahmen verlassen, in dem sich nur ein bestimmter Kreis aufhält – will stattdessen mitten in der Gesellschaft arbeiten. So schafft sie Rahmenbedingungen, in denen jeder frei agieren kann, musste sich entscheiden zwischen Masse und Intensität – und entschied sich für Eins-zu-eins-Situationen.

Sei es für den Menschen, der sich in die Hände des Schönheitsexperten begibt, sei es der, der sich die Geschichte von Kadiatou Camara anhört, sei es der Besucher im Museum Walter, der Einblicke in das Schicksal des Kunstliebhabers Klaus Abraham und die DDR-Kunst erhält, sei es derjenige, der sich einer Wandergruppe ins Grüne anschließt. Zum Glück, sagt sie, sei das Verständnis für Kunst erweitert, der Begriff „Soziale Plastik“, mit dem sich auch das Grandhotel definiert, trifft auch ihre Arbeit und deren Ziel: Aus dem Zusammenleben etwas extrahieren, Zusammenhänge hervorheben und neu verknüpfen.

Die Performances werden im Rahmen des Programms zum Friedensfest 2014 gezeigt. „Heimat“ ist dessen Motto, das Grandhotel ein zentraler Veranstaltungsort. Frech will den Menschen im Rahmen dieses Programms besondere Begegnungen ermöglichen – mit anderen, aber auch mit sich selber. „Schließlich“, sagt sie und erlebt es immer wieder während ihres Projekts, „sind wir alle Fremde.“

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Ein Artikel von
Ute Krogull

Augsburger Allgemeine
Ressort: Lokalnachrichten Augsburg


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