Zwei Maler (Otto Schorer und Jürgen Geßler) und zwei Fotografen (Gerard Saitner und Helmut Hien) ergeben zusammen das „Kollektiv Tel Aviv“ – auch Referenz an das Weltkulturerbe der Weißen Stadt. In der „Galerie am Graben“ (Oberer Graben 13) gibt dieses Kollektiv erstmals seine Visitenkarte ab, wenn auch nur kurz. Denn nach der Vernissage amheutigenMittwoch (19 Uhr) besteht nur noch amDonnerstag (17–21 Uhr) eine Besichtigungsmöglichkeit.
Es ist ein Vorlauf und soll das Interesse wecken für eine 2014 geplante längere Augsburger Ausstellung des Künstler-Quartetts. Es lebt im Raum Augsburg – mit Ausnahme von Gerard Saitner (einem gebürtigen Ulmer), der aus seiner französischen Wahlheimat anreist. Er war erst 2010 mit fotografischen Impressionen aus Vietnam, Burma und China zu Gast im Holbeinhaus.
Saitner arbeitet mit analoger Kamera (Leica M6 und Plaubel Makina 67), wie es auch Helmut Hien mit seiner Hasselblad 500 C/M tut. Letzterer ist weit über Augsburg hinaus durch seine Schwarz-Weiß-Künstlerporträts geschätzt. Das Gespräch mit ihm vor Eröffnung der Kollektivschau findet unter einer Galerie von Berühmtheiten der Musik-, Theater-, Filmszene statt, also unter den Augen von Olga Tschechowa, Elisabeth Flickenschildt und Nadja Tiller, von Jeanne Moreau, Jean Marais und Michel Piccoli, von Klaus Kinski, Gottfried John und Armin Mueller-Stahl, von Marcus H. Rosenmüller und Edgar Reitz.
Helmut Hien packt ein großes Frontalfoto von Frank Zappa aus und erzählt, wie er es 1976 in einem Hotel in Langenau vor Zappas Ulmer Open-Air-Konzert aufgenommen hat und wie es 15 Jahre später nach einem Soundcheck in der Ulmer Donauhalle signiert wurde.
„Die Oberflächlichkeit nimmt zu“
Hiens Bemerkung, dass er es am liebsten mit Künstlern zu tun habe, zu denen er eine geistige und seelische Verwandtschaft spüre, dürfte nicht allein auf ihn zutreffen. Am meisten habe ihn Yehudi Menuhin beeindruckt – „seine tiefe Stimme, seine Behutsamkeit, seine Bescheidenheit“. Menuhin habe „fast göttlich“ auf ihn gewirkt. Er selbst sei aus jener Fotositzung 1998 wie verwandelt herausgegangen.
So viel von den Menschen vor seiner Kamera. Ob es für ihn Vorbilder hinter der Kamera gebe? „Eigentliche Vorbilder habe ich nicht. Doch sehr verehre ich Robert Mapplethorpe und Cecil Beaton.“
Anfangs habe er sich mit Landschaftsfotografie, mit experimenteller Fotografie, mit Architektur beschäftigt, sich aber dann auf die Porträtfotografie konzentriert. Und da habe er bei Verabredungen mit Persönlichkeiten des Zeitgeschehens sehr wohl gespürt, „dass ich beim Erscheinen mit Stativ und meiner Hasselblad ernster genommen wurde, als wenn ich mit einer raschen Handkamera angerückt wäre“.
Ob das kinderleicht gemachte, allseitige digitale Fotografieren den Blick auf die Welt verändere? „Die Oberflächlichkeit nimmt zu“, glaubt Hien. „Ich bleibe bei der analogen Fotografie. Sie ist, jedenfalls auf meine Porträtarbeit bezogen, das bessere, das überzeugendere und das intensivere Fotografieren.“
Die Intention seiner Schwarz-Weiß-Porträts sei ein „sinnlicher Realismus“. Was die Ausdrucksform der beiden Maler des „Kollektivs Tel Aviv“ betrifft, so erlaubt sich Hien als dessen Senior die Bezeichnung „Pop-Art-orientiert“ für Otto Schorer und „figurativ in Anlehnung an den Fantastischen Realismus“ für Jürgen Geßler.