"Ich bin das, was du nicht siehst, durch das, was du siehst. Oder durch das, was dir scheint." Poetisch beginnt der fünfte Philosophy Slam, gar nicht als ein Ringen um Begriffe, sondern als ein Lauschen auf Töne. Antonie Ressel erzeugt sie auf ihrer Guqin, der chinesischen Zither, mit typischen Verwischungen. Himmel und Erde führe sie in Harmonie zusammen, erklärt die Dame im besten Alter. Das Publikum im großen Saal des Textilmuseums (tim) ist hingerissen. "Ein bisschen kurz war es", bedauert Gerhard Hofweber, der Initiator des Philosophy Slams. "Ja, normalerweise dauert die Stille länger", antwortet Antonie Ressel schlagfertig. Von Alois Knoller

Diesmal möchte die Jury mit den Slamern ins Gespräch kommen. Die drei Herren - die hochschwangere Akademische Rätin Birte Platow wollte keine Sturzgeburt riskieren - fragen nach und stellen dabei ihre eigene Belesenheit zur Schau ("Da kommt mir Heidegger in den Sinn").
Wenn wir uns ändern, ändert sich dann global etwas?
Die Szene hat zuweilen etwas von einem Examen. Das spürt vor allem der Unternehmensberater Johannes Pfister. Er bedauert, dass viele Menschen innerlich nicht in Balance stehen mit der Arbeit, die sie tun. Immer nur die Betriebsabläufe zu optimieren, damit die Gewinne steigen, das werde den Mitarbeitern nicht gerecht. "Tut, wozu ihr berufen seid!", appelliert Pfister an sie. Naja, das sei "kein streng philosophischer Vortrag" gewesen, mäkelt Juror Karl Borromäus Murr, der Leiter des tim. Gerhard Hofweber hilft mit der Wirtschaftslehre des Aristoteles nach, Prof. Manfred Negele stellt die Kardinalfrage: Wenn wir uns ändern, ändert sich dann global etwas?
Schwung bringt Werner Hanselitsch in die Bude. Der Doktor aus Tirol tritt wie ein Rapper auf. Er tänzelt im Raum, hält locker sein Konzept in der Hand, bemüht sich um Allgemeinverständlichkeit. Die "Idioten" der Antike - Sklaven, Frauen und Kinder, die von den Informationen der freien Bürger ausgeschlossen waren - vergleicht er mit den japanischen Internetfreaks namens "Otaku", was so viel wie "Tintenfisch im Glas" heißt. "Das Verhältnis hat sich umgekehrt", meint Hanselitsch. Wer zu Hause sitzt, erfährt inzwischen mehr als der, der draußen ist. Die freche These ist für die Juroren ein gefundener Anlass, um Medien- und Zivilisationskritik loszuwerden.
Die Herzen gehören dem philosophierenden Landwirt
Bei Bernhard Sailer, dem philosophierenden Landwirt aus der Region Dillingen, tun sich die Herren schwerer. Präzise durchdacht, dabei witzig und hintersinnig trägt er vor, wie flüssige und gasförmige Sorgen aussehen, warum der Insolvenzverwalter ein Sorgen-Beruf ist und was Gebete gegen Sorgen helfen. Für den Jury-Preis reicht es nicht ganz, er geht an Werner Hanselitsch. Aber die Herzen des Auditoriums fliegen Sailer zu, der nach dem etwas langatmigen Vortrag des Slam-Erfinders Hofweber die erschlaffte Aufmerksamkeit neu zu entfachen versteht.
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