Die Alpen – ein magischer Raum, ein hoch aufragender Sehnsuchtsort! Literatur und Bildende Kunst feiern die Schönheit der Alpen überschwänglich, für Tausende von Touristen, Wanderern und Bergsteigern sind die Berge das Freizeitziel ihrer Wahl. Doch wie gehen die Menschen, die das Glück haben, in Bergnähe zu leben, mit diesem Landschaftsraum um? Schlecht, wenn man Untersuchungen über den Flächenverbrauch glauben darf. Im Allgäu, dem uns am nächsten liegenden Alpenbereich, wird mehr Grund und Boden für Gewerbe- und Wohnbauten, für Straßen und Freizeitanlagen verbraucht als im übrigen Bayern – die schöne Landschaft wird geradezu verramscht, wie der Bund Naturschutz klagt.
Was ist dagegen zu tun? Seit Jahren fordern Umweltschützer und Siedlungsplaner, in Dörfern nicht neue Baugebiete auszuweisen, sondern die Dorfkerne fürs Wohnen attraktiv zu machen, nicht Einfamilienhaus-Teppiche rund ums Dorf auszubreiten, sondern kompakt zu bauen. Dass der Bau von Mehrfamilienhäusern ein Rezept gegen die Zersiedlung ist, dass sie auch im Alpenraum sinnvoll und passend sind, das zeigt jetzt eine Ausstellung im Architekturmuseum Schwaben.
„Wohnraum Alpen“, die von „Kunst Meran“ übernommene Schau, stellt 37 neue Wohn- und Siedlungsprojekte aus acht Alpenstaaten vor, aus der Schweiz, Österreich, Italien, Deutschland, Frankreich, Monaco, Lichtenstein und Slowenien. Entworfen wurden sie von namhaften Architekten wie den Vorarlbergern Hermann Kaufmann und Baumschlager/Eberle oder vom Schweizer Gion Caminada, aber auch von überregional wenig bekannten Architekten.
Die Ausstellung präsentiert nur drei deutsche Objekte – alle aus Oberbayern, keines aus dem Allgäu, was gewiss nicht von ungefähr kommt. Hierzulande hat man – von Ausnahmen abgesehen – immer noch einen antiquierten Begriff von alpenländischer Architektur, der viel mit dem solitären Haus und Hof, mit Lüftlmalerei und Schnitzwerk (was man gern als Jodelarchitektur bespöttelt) zu tun hat und wenig mit rationaler, funktionaler Architektursprache.
Anderswo antwortet man mit markanten Formen
Die drei oberbayerischen Objekte sind eine ins Grün eingebettete Einfamilienhausgruppe in Weyarn (entworfen von einem Team um Reichenbach-Klinke und Florian Nagler), ein kubisches Mehrfamilienhaus in Bad Tölz (Goetz, Hootz, Castorph) und drei flache Doppelhäuser in Dießen am Ammersee von Bembé/Dellinger – allesamt respektable, zurückhaltende Bauten. Anderswo traut man sich, auch mit markanter Architektur auf die aufregende Landschaft zu antworten. Zuvörderst in der Schweiz, wo das traditionsreich wuchtige Engadiner Haus vielfältige zeitgenössische Nachfahren bekam. Im Graubündener Dorf Samedan schichteten Lazzarini Architekten zwei Einfamilienhäuser und ein fünfgeschossiges Mehrfamilienhaus als dichten Komplex übereinander. In Gondo zwängt sich das Haus von Durrer Linggi zwischen hohe Felswände.
Südtirol ist seit dem Sexten-Architekturpreis ebenfalls federführend beim Neuen Bauen in den Alpen. In San Candido/Trentino bildet ein holzverschalter Geschosswohnungsbau (Plasma-Studio) das niedrige Gegenbild zu den hohen Gipfeln der Sextener Dolomiten. In Terlano errichtete Walter Angonese ein „Arbeiterhaus“ wie eine offene Scheune. Bozen wartet mit mehreren spannenden Beispielen auf. Die gibt es auch im italienischen Kernland, etwa in Brescia, wo im Stadtviertel Sanpolino ein ganz neues Quartier entstand.
Auch das österreichische Tirol zieht allmählich nach mit zeitgenössischer Architektur. In Lans bauten Obermoser Architekten eine leicht und unspektakulär wirkende Terrassen-Wohnanlage. Im österreichischen Bundesland Vorarlberg wird indes schon lange gut gebaut, seit Baumschlager/Eberle ihre Architektur-Offensive begannen. Von den Altmeistern zeigt die Ausstellung ein skulptural ausgeformtes Mehrfamilienhaus in Dornbirn. Bemerkenswert sind auch die verschindelte Wohnanlage von Christian Lenz (Dornbirn) und die an ein Bauernhaus anschließende Anlage von Hermann Kaufmann.
Interessant auch die Beispiele aus Lichtenstein, Monaco und vor allem aus Slowenien. In Ljubljana entstanden geradezu kühne Mehrfamilienhäuser, etwa von Bevk Perovic Arhitekti. Und dann ist da noch Frankreich mit modernistischen Wohnhäusern in Grenoble (Edouard François) oder Beausoleil (Calori Azimi Botineau).
Die Schau, die der rührige Ausstellungsmacher KunstMeran in ansprechende und überdies praktische Form gegossen hat, will Anregung sein für Bauherren und Ortsplaner. Bewusster mit den vorhandenen Flächen umzugehen, zu verdichten, statt zu zersiedeln und dafür intelligente Bautypen zu nutzen. Das ist das Anliegen. Hoffentlich entfaltet die Ausstellung diese Wirkung bis ins Allgäu hinein!
Laufzeit bis 20. November, geöffnet täglich außer Montag 14–18 Uhr. Das dreisprachige Katalogbuch mit schönen Fotos des Düsseldorfer Fotografen Hartmut Nägele und lesenswerten Essays liegt im Museum auf.