"Jauchzet, frohlocket": Bei der Einleitung von Bachs Weihnachtsoratorium wird vielen Menschen warm ums Herz. Warum ist dieses Werk so beliebt bei den Hörern?
Wersin: Viele Menschen verbinden mit dem Weihnachtsoratorium eine Art von bürgerlicher Festkultur, die so mancher heutzutage auch in Gefahr sieht. Wenn wir den Eingangschor hören, wecken Pauken und Trompeten in uns eine Feststimmung. Die 32stel Noten, die auf und ab jagen, lassen den Puls sofort in die Höhe schnellen.
Woher rührt die starke emotionale Ergriffenheit, die von dieser Musik ausgeht?
Wersin: Dafür sorgen u. a. die traditionellen Kirchenlieder, die Bach in die sechs Kantaten eingebracht hat. In den ersten beiden Kantaten hören wir zum Beispiel "Vom Himmel hoch" - eine Melodie, die für viele Hörer geradezu der Inbegriff von Weihnachten ist.
Was müssen musikalische Laien wissen, um das Weihnachtsoratorium angemessen zu verstehen?
Wersin: Es ist von Vorteil, wenn man Bachs Verfahren der sinnstiftenden Kombination unterschiedlicher Elemente kennt. So geht etwa der Arie "Großer Herr und starker König" ein Bass-Rezitativ voraus, in das zeilenweise die sechste Strophe des heute im Gottesdienst nur noch selten gesungenen Luther-Liedes "Gelobet seist du, Jesu Christ" eingeschoben ist; Liedtext und Rezitativ kommentieren sich gegenseitig, ergänzen sich in ihren Aussagen.
Was sollten Interpreten beachten, um diesem Werk gerecht zu werden?
Wersin: Musikalisch gesehen bin ich ein Verfechter einer historisierenden Aufführungspraxis. Ich mag den Klang originaler Instrumente, lege aber vor allem Wert auf einen deklamatorisch guten Textvortrag, denn in der Barockzeit waren Musik und Sprache eng verbunden. Angemessen wäre es ferner, auch den theologischen Hintergrund zu beachten.
Sollte man die Kantaten des Weihnachtsoratoriums nicht besser in einem Gottesdienst aufführen?
Wersin: Bach hat die sechs Kantaten verteilt auf die Gottesdienste in der Weihnachtszeit geschrieben - ohne dass er ahnen konnte, dass sie eine der populärsten Weihnachtsmusiken sein werden. Die Kantaten sind strukturell in Fortsetzung konzipiert. Es schadet keineswegs, sie am Stück aufzuführen.
Michael Wersin: Bach hören, Reclam Verlag, 176 Seiten, 19,95 Euro.