Gut, dass die Schwäbische Galerie Oberschönenfeld zwei Stockwerke hat. So sind die stillen Arbeiten von Christina Weber (Erdgeschoss) und die lauten von Hubert Balze (unterm Dach) auch räumlich maximal getrennt. Unterschiedlicher können künstlerische Interpretationen des Ausstellungstitels „Menschenbilder“ nämlich kaum sein.
Christina Weber (*1958, Döpshofen) befragt mit ihren zarten Aquarellen, Objekten und Installationen die Grundbedingungen der menschlichen Existenz – unabhängig von Ort und Zeit. Ihr geht es um Geborgenheit und Einsamkeit, Geburt und Tod, den Kreislauf des Lebens, die Spannung zwischen Individualität und Gemeinschaft.
Hubert Balze (*1936, Aystetten) dagegen illustriert mit seinen grellen, farbintensiven Acrylgemälden, in denen schablonenhaft und plakativ aktuelles Bildmaterial verarbeitet ist, zeitgenössische Themen. Balzes Zugriff ist direkt: Geklonte Anzugträger beherrschen die Welt und seine Bilder, Agenten des Systems, Zombies ohne Gesicht und Widerhaken. Es gibt Gut und Böse, Arm und Reich, Nord und Süd, Mächtige und Ohnmächtige. Die Aussagen dieser wie gestanzt wirkenden Photoshop-Malerei sind so simpel wie die formalen Mittel, die Balze, der jahrzehntelang als Kunsterzieher an Gymnasien tätig war, einsetzt. Das alles wirkt schematisch und oberflächenfixiert. Balze lässt bunte Pappkameraden aufmarschieren, um seine Gesellschaftskritik zu bebildern.
Da lachen auf dem Bild „Vamos“ Strandurlauber elendsblind am Playa, während doch zugleich Menschen auf der Flucht sind und ihre Habe in Säcken und Tüten tragen. Im Gemälde „Hallo Volk“ sehen wir oben neun Anzugträger, alle identisch, alle gesichtslos und alterslos, vor limofarbenem Hintergrund gönnerhaft im Lichte ihrer Macht winken, während darunter sich das graue unterdrückte Volk im Schatten tummelt.
„Nippes für ein schickes Studio“, „Püppi Bangladesh“, „Ghetto-Opulenz“: Schon die Bildtitel zeigen, dass Hubert Balze mit seiner Serie „Fragezeichen“ – in Oberschönenfeld sind 20 Werke zu sehen – keine subtilen Umwege gehen will, sondern nach einer Art computergestütztem Baukastenprinzip seine Themen abhandelt. Menschen in ihrer Brüchigkeit würden in diesem vordergründigen Spiel nur stören. Das Bein eines Fußballers ist ein Vermögenswert? Tja, wer wollte da widersprechen.
Menschenfiguren als geschlechtslose Schattenwesen
Christina Weber zeigt uns Menschen als in die Existenz geworfene Wesen, die sich in ihrer Verlorenheit und Innerlichkeit verpuppen oder aber mit anderen zusammentun und im Sog des „Schwarms“ mitschwimmen. Auf zarten Aquarellen lässt Weber ihre Menschenfiguren als geschlechtslose Schattenwesen treiben – zwischen Nähe und Distanz changierende Schemen, die auftauchen und wieder verschwinden.
Wir haben es mehr mit Seelen denn mit Gestalten zu tun, mit Verkörperungen menschlicher Gefühle und Befindlichkeiten. Selten gibt es einmal eine Beziehung zwischen den Wesen so wie im Bild „Ich–du“. Aber das könnte auch die Begegnung mit einem Spiegelbild sein oder eine Szene im Totenreich.
Aus Schnüren formt Christina Weber Körper, die an Larven erinnern. Frei und verloren zugleich sind diese verpuppten Existenzen, die im Raum schweben oder sich in Nestern verbergen.
Ungewöhnlich ist die Verwendung von Teerpappe, die den Grafiken eine haptische Qualität gibt. Wo die Künstlerin sich beschränkt, sind ihre Arbeiten besonders überzeugend. Schwächer hingegen wird Weber da, wo sie zu viel will, zu sehr bastelt und dem vordergründigen Materialreiz erliegt – wie in der Skulptur „Haus“ beispielsweise.
Die Doppelschau ist Auftakt einer neuen Reihe, mit der der Landkreis Augsburg nun regelmäßig zu Gast sein wird in der Schwäbischen Galerie Oberschönenfeld. Sie läuft bis 26. Februar und ist Dienstag bis Sonntag von 10–17 Uhr geöffnet. Am Sonntag, 12. Februar, findet um 15 Uhr ein Künstlergespräch statt.