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Ausstellung: Kunst ist Nachdenken

Ausstellung

Kunst ist Nachdenken

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    „Mark“ (Englisch für Zeichen) heißen die Arbeiten von Lotte Lindner und Till Steinbrenner, die in Anlehnung an eine absurder New Yorker Gepflogenheit angefertigt sind. Dort werden Graffitis jeden Abend schwarz überstrichen.
    „Mark“ (Englisch für Zeichen) heißen die Arbeiten von Lotte Lindner und Till Steinbrenner, die in Anlehnung an eine absurder New Yorker Gepflogenheit angefertigt sind. Dort werden Graffitis jeden Abend schwarz überstrichen. Foto: Lindner/Steinbrenner

    Zentral platziert und in sattem Rot leuchten die drei gespachtelten Gemälde schon von außerhalb der Neuen Galerie im Höhmannhaus den Flaneuren auf der Maximilianstraße entgegen. Die Bilder verkünden von links nach rechts der Reihe nach: „For sale“, „Not for resale“, „Not for sale“ – also: „Verkäuflich“, „Nicht weiterverkäuflich“, „Nicht verkäuflich“. Das heißt konkret: Sollte unter der weltweit anschwellenden Schar von Kunstfreunden (und Kunstinvestoren) einer den Wunsch entwickeln, dieses Triptychon erwerben zu wollen, so erhält er nur die ersten beiden Gemälde ausgehändigt, nicht aber das dritte, denn das ist ja „Nicht verkäuflich“ und verbleibt beim Produzenten. Und das Zweite bekommt der Käufer auch nur gegen die vertraglich festgelegte Auflage, dass er es nicht weiter veräußern darf.

    Dies ist die Kunst von Lotte Lindner (*1971) und Till Steinbrenner (*1967), die als (Ehe-)Paar und auf Empfehlung der weltweit bekannten Performance-Künstlerin Marina Abramovic den (mittlerweile elften) Augsburger „Zeitsicht“-Preis des Unternehmens hauserconsulting in Empfang nehmen konnten und nun ihre Arbeiten in einer kleinen Retrospektive namens „Was bleibt“ eben in der Neuen Galerie zeigen.

    Die Mechanismen des Marktes hinterfragen

    Diese Arbeiten sind im Grunde allesamt mit Provokationen verbunden. Sie üben einen gewissen Zwang aus. Sie sind offen oder unterschwellig subversiv. Sie bringen den ernsthaften Betrachter in eine Positionssuche, zu einem Gedankenprozess, zu Überlegungen über ein „Was-wäre-wenn“. Was wäre, wenn ich es bin, der das Triptychon kauft, aber dann das mittlere Bild entgegen der Auflage weiterverkauft und den Vertragsbruch den Künstlern mitteilt. Bekomme ich dann eine Anzeige an den Hals? Und wie wird dann womöglich vor Gericht entschieden?

    Oder ausgreifender: Was wäre, wenn jeder Künstler – zumindest ab einem gewissen Berühmtheitsstatus – verbietet, dass seine Bilder weiterverkauft werden? (Wie würde dann wohl das Preisgefüge etwa bei Andy Warhol aussehen?) Gut möglich, dass dann so mancher anscheinend gottgegebener Mechanismus zusammenbricht.

    Anderes Beispiel. Da hängt, ebenfalls im Eingangsraum, eine andere beschriftete Leinwand: „Die Gedanken der Künstler sind nicht relevant.“ Noch eine Arbeit in jenem großen Lindner-Steinbrenner-Themenkreis „Kunstproduktion, Kunstvermittlung, Kunstmarkt“, den Marina Abramovic auch per Videobotschaft als notwendig auszeichnungswürdig erachtet. Erstmals hing dieses „Gemälde“ in einer Ausstellung in Hannover, wo die beiden ehemaligen Abramovic-Meisterstudenten heute leben und arbeiten. Diese Schau hieß: „Wie viel Theorie braucht die Kunst?“

    Lindner/Steinbrenner lieferten Anstoß für viel Gedankenleistung, für viel Theorie sozusagen. Was wäre, wenn die Gedanken der Künstler tatsächlich nicht relevant wären? Welche Bedeutung hätte dann gerade dieses Bild? Und welche Bedeutung erhält es in dem Moment, wenn dem Betrachter die prinzipiellen Hintersinnigkeiten aller Lindner/Steinbrenner-Arbeiten bekannt sind?

    Versteht der Betrachter die Bildaussage indessen als Ironie, dann ist er quasi im gleichen Atemzug auch aufgefordert, nach der Kunst-Motivation zu fragen und dem alten Lehrer-Appell zu folgen: Was will der Künstler uns damit sagen?

    Drittes Beispiel. Drei schwarze Streifen an der Wand, die im Höhmannhaus eine absurde New Yorker Gepflogenheit aufgreifen: Tagtäglich üben sich in den dortigen U-Bahn-Stationen junge Bürger in Graffiti – auf einem schmalen Kachelstreifen neben Werbeanzeigen. Und tagtäglich übertünchen bestellte New Yorker Säuberungstrupps diese Graffiti schwarz. Ein wundersamer Machtkampf mit der Folge neuer schwarzer „Bilder“ nach Malewitsch. Oder: Wie gefährlich ist Graffiti? Wie gefährlich ist Freiheit unter der Freiheitsstatue?

    Alle Arbeiten von Lindner/Steinbrenner laufen unter beider Namen. Jeder ist dem anderen der schärfste Kritiker. Es gibt keine faulen Kompromisse: Das Atelier verlässt nach gelegentlich harten Debatten nur das, was in beider Augen hieb- und stichfest ist.

    Hieb- und stichfest ist auch eine kleine schöne aquarellierte Radierung, die das Paar beim Kartoffelschälen zeigt. Sie zeigt zugleich, dass Lindner/Steinbrenner neben dem Gedankenanstoß das reine Handwerk beherrschen.

    Laufzeit bis 28. Februar, Di. – So. von 10 bis 17 Uhr

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