Als Sohn türkischer Gastarbeiter musste sich Serkan Erol die Sprache hart erarbeiten. Heute schreibt er Gedichte. Von Miriam Zissler
Adriano Celentano tönt aus dem Retro-Radio, Bücher stapeln sich in Regalen und auf dem Boden, „Des Knaben Wunderhorn“ von Achim von Arnim neben Hölderlins „Dokument seines Lebens“. Es ist aufgeräumt, auch wenn an den Wänden geordnetes Chaos herrscht. Großflächige Zeichnungen aus Wachsmalkreide zieren die weißen Tapeten, Sprüche sind aufgemalt, aufgeklebt oder aufgehängt, wie etwa Nietzsches „Wichtig ist nicht das ewige Leben, sondern die ewige Lebendigkeit.“ Mittendrin Serkan Erol.
Die Worte sprudeln aus ihm heraus, dabei hat er es erst lernen müssen, sich in diesem Worthaus, wie er es nennt, heimisch zu fühlen. Das war nicht immer so – der Sohn türkischer Gastarbeiter wächst in Bobingen auf. „Im Kindergarten und in der Grundschule war ich sprachlich blockiert, habe ein misch-masch gesprochen. Manche Wörter kannte ich nur im deutschen, wusste aber nicht die türkische Bezeichnung und umgekehrt“, erzählt er.
Nach dem Hauptschulabschluss auf die Modemesse
Heute schreibt er Lyrik, hält Lesungen und rezitiert Dichter und Denker. Serkan Erol hat sich das alles selber erarbeitet. Wissensdurst und Leidenschaft haben den 26-Jährigen getrieben. Einfach war das nicht. Nach dem Qualifizierenten Hauptschulabschluss findet er keinen Ausbildungsplatz und beginnt das Modeln. Ein Jahr nimmt er einen Auftrag nach dem anderen an, ist auf der Modemesse in Düsseldorf, dann in Mailand. „Für diesen Job war ich aber nicht robust genug“, stellt er selber fest und beginnt eine Ausbildung zum Sportfachverkäufer in der Galeria Kaufhof in Augsburg. In seiner freien Zeit reist er, pilgert in Spanien, zehrt von interessanten Begegnungen mit Musikern und Dichtern und fängt nach Abschluss der Ausbildung wieder etwas vollkommen Neues an.
Er trifft den Schauspieler Carl Durban, eine Begegnung, die ihm eine neue Welt öffnet, die Welt des Wortes, der Lyrik und des Schauspiels. „Er war bis zu seinem Tod mein engster Freund, eine Art Opa-Ersatz“, sagt der 26-Jährige.
Untertags holt er am Bayernkolleg sein Abitur nach, in seiner Freizeit trifft er sich mit Carl Durban – sie unterhalten sich über Dichtkunst, machen Sprachübungen. Später wird er von der Dramaturgin Lou Bohn unterrichtet. „Meine zweijährige Ausbildung zum Rezitator hat meine Zunge geschult, meine Wahrnehmung ausgebildet.“ Serkan Erol beginnt sich daneben im JTT – Junges Team Theater – und in einer türkischen Theatergruppe zu engagieren, liest alles, was ihm in die Finger kommt, von den Klassikern über Eichendorff, Hölderlin, Rilke, Joseph Roth bis Nicolas Born.
Lesungen motivieren ihn zum Lehramtsstudium
Er beginnt in der Buchhandlung am Obstmarkt zu arbeiten. „Ich fühle mich hier wohl, ich würde gerne in Deiner Bücherwelt arbeiten“, sagt er zu Inhaber Kurt Idrizovic. Er arbeitet dort bis heute, hat viele Autoren getroffen, die Motivation für Lesungen an Schulen erhalten und die Gewissheit, dass er selbst einmal vor den Schülern stehen will. Als Lehrer nicht nur als Gast. Heute studiert er im vierten Semester Lehramt an Hauptschulen an der Universität Augsburg. Doch das genügt dem jungen, aufgeweckten Mann nicht. Er beginnt selber das Schreiben. Seit Jahren geht er nicht ohne ein kleines Moleskine-Heft aus dem Haus, notiert Erlebtes, Gesehenes. Jedes Buch ist ein Unikat, das er selber gestaltet, es mit Fotos und Bildern beklebt und daraus die Ideen für seine eigene Lyrik schöpft.
Eines seiner Werke „bleibende zerrissenheit“ ziert die Rückseite des Merhaba-Programms, dem Augsburger Festprogramm zum 50-jährigen Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei, weitere Werke reicht er im Wettbewerb um den diesjährigen Dresdner Lyrikpreis ein. Er hat schon so viel geschafft und bleibt bescheiden. „Das ist ein Anfang“, sagt er.
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