Frau N., über 80 Jahre, bekommt Hilfe, die sich in unserem Gesundheitssystem schon längst nicht mehr rechnet. Wenn die Krankenschwester Angela Reichart-Immerz sie im Bett aufsetzt, in den Rollstuhl setzt, mit ihr ins Bad geht, "die große Grundpflege" leistet, für Frau N. die 15 täglich einzunehmenden Medikamente vorbereitet, die Ernährungssonde überprüft, den Verband wechselt und alles in einer Mappe dokumentiert, so geschieht das innerhalb enger Budget- und Zeitvorgaben. 44 Minuten hat sie für all diese Tätigkeiten am Morgen rechnerisch zur Verfügung. "Und das ist noch großzügig gerechnet", so Christine Deschler, Geschäftsführerin des Pflegediensts, die ihren Schwestern noch etwas mehr Spielraum gibt. "Dennoch darf's dann nicht sein, dass der Schlauch der PEG-Sonde verklebt ist", sagt Reichart-Immerz, "oder dass Frau N. auf der Toilette länger braucht". Auch Staus sind nicht mitgerechnet, wenn die Schwester mit dem Auto unterwegs ist. Ein weiterer Kostenfaktor, der nicht reinkommt: die extrem gestiegenen Benzinkosten.
Eine Stunde täglich, schätzt Reichart-Immerz, arbeite sie mehr als das, was der Zeitplan - somit das, was von Kassen und Pflegeversicherung refinanziert wird - vorgibt. Die Differenz trägt der Betrieb. Auf Dauer ist das nicht mehr tragbar. "Wir stehen mit dem Rücken zur Wand", sagt Deschler. Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, all das sei nicht mehr bezahlbar. Noch würden die städtischen Fördermittel für Vollzeitstellen helfen. Gesichert aber würden sie jeweils nur für ein Jahr.
Den Patienten selbst mögen solche Sorgen durchaus bewusst sein. Vorrangig aber ist für sie, - und das ist bei einem anderen Ehepaar spürbar - beim Pflegedienst gut aufgehoben zu sein. Da ist der Ehemann, dem jeden Morgen Kompressionsstrümpfe angezogen werden müssen. "Ich kann das nicht mehr tun, wegen meines Rückens", meint seine Frau. Rund fünf Minuten sind fürs Anziehen der Strümpfe rechnerisch vorgesehen. Dann dürfen die Füße aber nicht verschwitzt sein. In solche Minutenrechnungen auch nicht mit aufgenommen sind all die menschlichen Aspekte, die Zeit und die Zuwendung, die ein Patient braucht.
Der Pflegedienst Deschler fährt hinaus nach Aystetten, zu einem Patienten Mitte 50, der querschnittsgelähmt ist. Er kann sich nicht mal ein Glas Wasser selbst einschenken. Zweimal täglich kommt der Pflegedienst, in der Früh für eineinhalb und abends für eine halbe Stunde. Morgens sei nur eine Stunde Pflege refinanziert, berichtet Diana Simeunic, die beim Pflegedienst Deschler den Bereich Aystetten leitet.
Vieles läuft ohne Bezahlung
Dazu gehört bei diesem Patienten das Mobilisieren aus dem Bett, die Grundpflege, die Pflege des Blasenkatheters, das Platzieren in den Elektro-Rollstuhl … Und das sei bei diesem Patienten nur die "Minimalversorgung". "Das Essen reichen" sei in diesem Paket nicht drin. Das Glas Wasser aber würden die Schwestern ihm gewiss einschenken … Wenn auch Verrichtungen wie diese eine Selbstverständlichkeit seien, die tagtäglich von den Schwestern unbezahlt geleistet werden, sagt Christine Deschler: "Fachpflege ist kein Ehrenamt."