Stille, Unaufdringlichkeit, Tiefe, Sorgfalt, Dauer, Eigenständigkeit, Materialreiz, Harmonie. Eine Sammlung von Assoziationen, die sich bei der ersten Begegnung mit Werken des in Freiburg lebenden Künstlers Jens Reichert einstellen können.
Der 1967 in Ludwigsburg geborene Bildhauer und Maler, der vor seinem Studium der Freien Kunst eine Schreinerlehre absolvierte, zeigt in der Ecke Galerie Objekte und Plastiken aus Pappe sowie ungegenständliche Malerei. Titel der Ausstellung: „Myndlist“. Das ist isländisch und bedeutet sowohl Malerei als auch Bildende Kunst allgemein. Reichert war 2009 und noch einmal 2012 zu längeren Arbeitsstipendien in Island.
Beginnen wir mit den Plastiken. Jens Reichert arbeitet mit einem alltäglichen, „armen“, schmucklosen Material: Wellpappe. Daraus gestaltet er „plastische Realitäten“, wie er das nennt. Es sind freie Formen, häufig Verstrebungen um offene Strukturen. Beispielhaft dafür steht in der Ausstellung der 130 Zentimeter hohe „Leuchter“, der von der Decke hängt. Kronleuchter in Paris haben Reichert zu dieser Arbeit inspiriert. Die sorgfältig weiß und matt lackierte Wellpappe ist zuvor abgeschliffen und geglättet worden.
Ein fünf Meter hoher Turm
Auch die Arbeiten „Offenes Oval“ und „Helm“ (mit dem „Gesicht“ aus unbemalter brauner Pappe) sind perfekt bearbeitete Konstruktionen aus Wellpappe, die Reicherts handwerklich virtuosen Umgang mit dem Material belegen. Die Stabilität und Kompaktheit der Pappe ist verblüffend: In Köln hat der Künstler daraus 2011 im Vorgebirgspark einen fünf Meter hohen Turm geschaffen.
Eine freie Form, die mit ihrem dunklen großen Innenraum an einen Bienenkorb oder eine Amphore erinnert, nennt Reichert einfach „Volumen“. Diese 2013 entstandene Arbeit mit ihrer organischen Form zeigt besonders eindringlich das charakteristisch poröse, „löchrige“ Innere der Wellpappe. Dass Jens Reichert aber nicht nur plastische Realitäten, sondern auch plastische Nachbildungen von Gegenständen schafft, davon zeugen die „Lampe“ und das „Becken“, ältere Arbeiten aus den Jahren 2005 und 2006.
Die Bilder des Bildhauers sind ungegenständliche Streifenmalereien, wobei Reichert seine Bahnen in vielen Übermalungen und Schichten zieht. Daraus entstehen Geflechte und geometrische Gitterstrukturen auf den Bildträgern aus Sperrholz und Stoff.
Der Künstler arbeitet mit Kaseintempera, sein Farbauftrag ist sehr dünn. Durch die mit Weiß gebrochenen und gedämpften Farben wirken die Bilder zart und geheimnisvoll diffus, als betrachte man sie durch beschlagene Scheiben. Wenn man so will, sind diese akribisch gearbeiteten Gemälde Gegenpole zur gestischen Malerei.
Feinste Nuancen und Farbeffekte
Eine Aura der Unschärfe liegt über den wie ausgebleicht erscheinenden, meditativen Streifen- und Gewebegemälden, in denen das Licht gefangen scheint. Die lange Beschäftigung des Künstlers, die ruhige Hand, die immer aufs Neue eine Pinselbahn setzt – diese „Arbeitszeit“ glaubt man gespeichert zu sehen in den Bildern. Die rufen natürlich auch vage „Vorbilder“ wach – von Bridget Riley bis Sean Scully.
Das mit zwei Meter Breite größte davon trägt den programmatischen Titel „von links nach rechts“ (2009). Reichert hat hier den in Farbe getauchten Pinsel jeweils links angesetzt und nach rechts die Bahn gezogen, wobei der Farbauftrag naturgemäß immer dünner wird. Auf diese Weise entstehen feinste Nuancen und Farbeffekte, gleichermaßen ein Flimmern und inneres Belebtsein. Auch andere Malereien tragen beschreibende Arbeitstitel wie „kurven“, „horizontal“, „kreuz und quer“ oder „über Kreuz“.
Laufzeit bis 2. März. Geöffnet ist die Ecke Galerie Montag bis Freitag 14-18 Uhr, Samstag 11-14 Uhr