"Industriekultur in Augsburg - Pioniere und Fabrikschlösser", gerade eben vom Augsburger context-Verlag herausgebracht, hat aber selbstredend mehr zu bieten, denn Augsburg, Gansers Gegenstand, ist eine Stadt, die wie kaum eine andere "das Wesen des Industriezeitalters in kompakter Form" erlebbar macht. Schülesche Kattunmanufaktur, Kammgarn-Spinnerei, Glaspalast, Schlachthof, Hochablass-Wasserwerk reiht Ganser als "Perlen der Industriekultur" aneinander, dazu als nicht-technische Bauwerke des 19. Jahrhunderts Kurhaus, Synagoge und Herz-Jesu-Kirche.
Diese und andere architektonische Schätze wären freilich nicht entstanden ohne die Pioniere des Industriezeitalters, die sich in Augsburg niederließen: Ludwig August Riedinger (1809 - 1879), der ideenreiche und zupackende Unternehmer, der Gaswerke, Buntweberei und Maschinenfabrik aufbaute. Oder Heinrich von Buz (1833 - 1918), der dem jungen Rudolf Diesel die Chance gab, seinen Motor zu entwickeln.
Der Lech als Standortfaktor
Ganser besingt die Größe des industriellen Zeitalters in Gestalt seiner lokalen Protagonisten, und er will seine Leser "zum Staunen bringen" über eine Stadt, die sie alle anzog. In einem eigenen Kapitel schildert er, wie im 19. Jahrhundert einerseits das aufgeklärte Klima in der Stadt des Religionsfriedens, die durch Fugger und Welser begründete Finanzkompetenz und der ausgebaute Bahnknotenpunkt, andererseits aber auch der Lech mit seiner universell nutzbaren Wasserkraft Augsburg als Industriestandort attraktiv machten.
Überhaupt will der "Architekt des neuen Ruhrgebiets", wie der Krumbacher Ganser, der elf Jahre lang die Internationale Bauausstellung Emscher Park leitete, manchmal ehrfürchtig genannt wird, auf Zusammenhänge aufmerksam machen - etwa das Zusammenwirken des Hofrats Hessing mit dem Architekten Jean Keller (das zum Kurhaustheater führte) und die produktive Nähe von Johann Friedrich Cottas Augsburger Allgemeiner Zeitung, Georg Haindls Papierfabrik und dem Maschinenbau der MAN - "alle in der Nähe des Augsburger Stadtbachs".
Solche Verbindungen lassen sich vielfach entdecken auf den "fünf Wegen durch die Industriestadt", denen Ganser den Großteil des Buchs widmet.
Am ausführlichsten ist der Weg zur Textilindustrie, der von der Schüleschen Kattunmanufaktur durchs Textilviertel bis zu Osram und dem alten Färberturm führt. Dankenswerterweise schildert der Autor hier auch die Krisen und Kämpfe für die Erhaltung des industriellen Erbes, klammert auch die Verluste nicht aus.
Zu Rudolf Diesel und Bertolt Brecht führt der Weg vom Gaswerk über das MAN-Museum bis zu den Haindlschen Stiftungshäusern und dem Alten Stadtbad.
Vom Hauptbahnhof über Thelottviertel und Bahnpark geht es im "Dreieck des Eisenbahnzeitalters".
Nähfadenfabrik Göggingen, Kurhaus, Eberle-Walzwerk sind Stationen auf dem Weg zur Industrie in den Vororten.
Vom Hochablass entlang der Lechbäche geht es schließlich bis zum Lechmuseum in Langweid.
Bei aller Ausführlichkeit ist das Buch nicht enzyklopädisch, sondern als leicht nutzbare Seh- und Verstehhilfe für interessierte Menschen geschrieben, als Lesebuch für die Reise in eine vergangene Epoche. Nach mittlerweile doch einigen Veröffentlichungen über die Augsburger Industriekultur stellt es einen sehr persönlichen, mit umfassendem Wissen fundierten Beitrag zum Thema dar.
Karl Ganser: Industriekultur in Augsburg - Pioniere und Fabrikschlösser. context-Verlag, 216 Seiten mit vielen Fotografien und historischen Abbildungen, 14,80 Euro