Wetter
Mo.
21°C
Wetter
Di.
20°C

11. August 2011 13:18 Uhr

Augsburger Justiz

Raue Sitten setzen den Sanitätern zu

Auch Retter werden immer öfter beleidigt und attackiert. Sie müssen trotzdem ruhig bleiben. Einer, der das nicht schaffte, stand jetzt vor Gericht.

Sie wollen helfen, doch sie sind nicht überall willkommen: Immer öfter werden Retter von Betrunkenen beleidigt oder attackiert, sagt das BRK.
Foto: Alexander Kaya

Es ist ein Samstagabend im August, als der Notruf bei der Leitstelle eingeht. Sanitäter Thomas Mayer* und sein Kollege donnern mit Blaulicht in die Ulmer Straße. Eine „bewusstlose Person“ liege dort, lautet die Meldung. Ein normaler Einsatz. Es ist Plärrerzeit und Wochenende, an Tagen wie diesen müssen die Retter andauernd Betrunkene einsammeln. Doch was normal beginnt, endet für Sanitäter Mayer auf der Anklagebank des Amtsgerichts. Es ist ein Fall, der ein Schlaglicht darauf wirft, wie hart der Job der Retter inzwischen ist. Und wie sehr sich die Helfer im Stich gelassen fühlen.

Es ist Mittwoch, 14 Uhr. Thomas Mayer muss im Gerichtssaal Platz nehmen. Die Staatsanwältin verliest die Anklageschrift. Die Vorwürfe sind drastisch. Mayer habe den hilflosen jungen Mann, einen 18-jährigen Afrikaner, „in den Bereich der Beine, Rücken, Oberkörper und den Hüften“ getreten. Außerdem, so steht es in der Anklage, habe er dem Opfer „mehrere Stöße in den Magen“ versetzt. Nach zwei Stunden Prozess ist schließlich klar: Die Vorwürfe stimmen nicht. Der Retter hat den betrunkenen Mann nicht misshandelt – obwohl es für Umstehende auf den ersten Blick durchaus so ausgesehen haben könnte.

ANZEIGE

Die Sitten auf der Straße sind inzwischen, vor allem nachts, so rau, dass die Sanitäter stets darauf achten müssen, nicht selbst angegriffen und verletzt zu werden. Sie lernen deshalb in der Ausbildung, wie sie sich selbst schützen. „Das kann ein Außenstehender in den falschen Hals bekommen“, sagt der Kollege von Thomas Mayer, der bei dem Einsatz dabei war, im Zeugenstand.

Wenn die Retter zu einem Betrunkenen kommen, tippen sie diesen in aller Regel zuerst mit dem Fuß an, um zu sehen, ob er reagiert. Danach schüttelten sie den Mann, um ihn zu wecken. So war es wohl auch an jenem Abend in der Ulmer Straße. Die Retter nutzen zuerst den Fuß, weil sie möglichst viel Abstand halten wollen. „Sie haben so schnell mal eine Faust im Gesicht, das glauben Sie gar nicht“, sagt der Rettungsdienstler als Zeuge. „Natürlich sieht das mit dem Fuß nicht gut aus“, meint er und setzt gleich eine Frage hinterher: „Doch was ist denn die Alternative?“

Michael Gebler ist Geschäftsführer beim Augsburger Stadtverband des Roten Kreuzes. Er zweifelt nicht an seinem Mitarbeiter. „Das ist ein Profi, der schlägt niemals einen Patienten.“ Das Gegenteil sei der Fall. „Immer öfter werden wir zur Zielscheibe von Hass und Aggressionen“, sagt Gebler. Die Retter verstehen die Welt nicht mehr. „Wir können uns das nicht erklären, wir kommen doch nur, um zu helfen.“ Vielleicht, meint Gebler, reiche es schon aus, „dass wir ein Blaulicht haben und Uniform tragen.“

Im vergangenen Jahr zählte das Rote Kreuz in Augsburg vier oder fünf Fälle, in denen Rettungskräfte durch Faustschläge verletzt wurden – stets durch Betrunkene. Manchmal schlagen die Patienten selbst zu, manchmal aber auch Umstehende. In einigen Augsburger Stadtteilen holen die Retter lieber sofort die Polizei hinzu, bevor sie fremde Wohnungen betreten. In Nürnberg erhalten Rettungsdienstler sogar auf Wunsch stichfeste Westen.

Bei dem Einsatz in der Ulmer Straße haben die Sanitäter all das im Hinterkopf, als sie vor Ort eintreffen. Der Betrunkene lehnt an einem Auto. Sie wissen nicht, wie er reagieren wird. Dann mischen sich plötzlich drei Umstehende ein, weil sie das Stupsen mit dem Fuß wohl als Fußtritte interpretieren. Die drei Passanten sind erregt, wollen die Sanitäter zu Rede stellen und bedrängen sie. „Wir wurden an unserer Arbeit gehindert“, erzählt Thomas Mayer. Auch die Notärztin muss sich, als sie kurze Zeit später am Einsatzort eintrifft, erst einmal durch einen Pulk von aufgebrachten Männern hindurch kämpfen.

Da platzt Thomas Mayer wohl der Kragen. Er sagt den Männern, sie sollen „die Fresse halten“. Auch den gehobenen Mittelfinger soll er ihnen gezeigt haben. Zu diesem Ergebnis kommt Richterin Lisa Mühlschuster. Verurteilt wird Mayer deshalb nicht. Das Verfahren gegen ihn wird wegen geringer Schuld eingestellt, er muss 500 Euro an einen gemeinnützigen Zweck bezahlen. Auch wenn die Arbeit schwierig sei, dürfe man sich als Profi nicht provozieren lassen, sagt die Richterin.

Sanitäter Thomas Mayer nimmt diese Ermahnung zähneknirschend hin. BRK-Chef Gebler hat Verständnis für den Sanitäter. „Was die Kollegen im Einsatz alles hinnehmen müssen, ist manchmal schon fast übermenschlich.“ Nicht wenige bräuchten deshalb auch psychologische Betreuung. *Name geändert

Jetzt bestellen! Das neue iPad inkl. e-Paper.

Artikel kommentieren

Die neuesten Kommentare

Nachrichten in Ihrer Region
Augsburger Allgemeine Aichacher Nachrichten Augsburger Allgemeine Donau Zeitung Donauwörther Zeitung Friedberger Allgemeine Günzburger Zeitung Illertisser Zeitung Landsberger Tagblatt Mindelheimer Zeitung Mittewlschwäbische Nachrichten Neu-Ulmer Zeitung Neuburger Rundschau Rieser Nachrichten Schwabmünchner Allgemeine Wertinger Zeitung
Finden Sie Nachrichten aus Ihrem Ort
Anzeige

Neu in den Foren
Frage der Woche
Maxstraße: Soll es eine Sperrstunde geben?



Neu in den Leserblogs
Aktuell meist gesucht

Augsburg | Feuerwehr | Fasching | unfall | Oettingen | ramadan


Partnersuche