Eine junge Frau will einen Vortrag halten, und ihr Thema klingt kompliziert, vor allem aber ist es heikel: „Verfahren zum bewussten Rauschmittelkonsum als Schlüssel zum Glück“ ist auf der Leinwand zu lesen, die die ganze Bühne einnimmt. Eine „Einführung“ nennt Kai Hensel im Untertitel sein Ein-Personen-Stück „Welche Droge passt zu mir?“, das am Sonntagabend zum Auftakt der Theaterspielzeit im Hoffmann-Keller Premiere hatte – und er schlägt mit diesem Titel einen provokativen Grundton an, der sich durch das ganze Stück zieht.
Eine glückliche Familie im Jugendstilhaus
Die junge Frau, die in adretter Referentenuniform – Bluse, enger Rock, hochhackige Schuhe – vor das Publikum tritt (Bühne und Kostüm von Clara Lotta Bosch), ist Hanna, 32 Jahre alt, Mutter eines Sohnes, Ehefrau eines leitenden Ingenieurs in einem Aluminiumwerk. Eine glückliche Familie im gerade ersteigerten „entzückenden Jugendstilhaus“. All das erzählt sie, um Vertrauen zu gewinnen für das eigentliche Anliegen ihres Vortrages: Hanna will werben für die Einnahme von Drogen. Egal ob Ecstasy, Haschisch, Kokain oder LSD, sie hat alles probiert und festgestellt: Drogen geben Kraft, den eigenen Weg im Leben zu finden. Denn ganz so heil, wie sich das Familienglück zu Anfang darstellt, ist es nicht. Ihren weinerlichen Sohn, der ständig von Schulkameraden gehänselt wird, erträgt Hanna kaum, die Rollen als fürsorgliche Ehefrau, leidenschaftliche Geliebte und intelligente Gesprächspartnerin nerven sie und der Hauskauf hat die Familie finanziell überfordert. Da reicht es nicht aus, immer mal wieder die Möbel zu verrücken, um den Frust zu vertreiben.
Man spürt, dass Autor Hensel früher Werbetexter war. In ausgeklügelter Werberhetorik lässt er seine Figur die Vorzüge des regelmäßigen Drogenkonsums anpreisen als handle es sich um ein Waschmittel mit besonderer Reinheitsgarantie. Hanna präsentiert Schaubilder, Grafiken und Statistiken, klärt auf über die verschiedenen Drogenarten und erläutert ihre Wirkung.
Es fallen absurde Sätze wie „Achten Sie auf einen gesunden Körper“, trotzdem wirkt der Vortrag so authentisch, dass man geneigt ist, den Finger zu heben und Zwischenfragen zu stellen. Als philosophische Rechtfertigung bedient sich Hanna des Stoikers Seneca, dessen Zitate sie in ihren Vortrag einstreut: „Nur Kleinmütige und Schwächlinge wählen den sicheren Pfad. Der Held geht über Gipfel.“
Hensel trägt dick auf in seinem Text, manchmal etwas zu dick. Umso mehr bedarf es einer sensiblen Umsetzung, denn ihren Reiz und ihre Spannung bezieht eine Aufführung von „Welche Droge passt zu mir?“ daraus, dass die Textebene des Stückes aufgebrochen wird im Spiel. In Fabian Alders Inszenierung gelingt dies subtil in einer schleichenden Veränderung im Auftreten Hannas, das ihren tatsächlichen desaströsen Zustand aufscheinen lässt.
Großartige Judith Bohle
Vor allem der großartigen Judith Bohle ist es aber zu verdanken, dass das gegenläufige Spiel mit dem Text funktioniert. In feinsten Nuancen setzt sie das Psychogramm dieser Frau um und macht das Solo zu ihrem Triumph. Zuerst sind es nur die Karteikarten, die auf einmal durcheinandergeraten. Keine Panne oder ein Zufall, wie sich herausstellt, denn auch ihre Überzeugungskraft, die sie anfangs demonstriert hat mit eindringlichen Gesten, wechselt allmählich in eine fahrige und um Beherrschung ringende Haltung. Das gewinnende Lächeln weicht immer öfter zusammengepressten Lippen, und die Wut Hannas auf ihren Mann, der noch ein zweites Kind will, und auf ihren wehleidigen Sohn, der ständig Probleme bereitet, dringt lauter durch. Offensichtlich wird die Dekonstruktion der drogenseligen Fassade, als sie sich ihrer Pumps entledigt und in Strümpfen weiter deklamiert.
Zu keinem Zeitpunkt steht auf der Bühne ein mitleiderregender Junkie, aber absolut glaubhaft lassen Bohle und ihr Regisseur Alder eine Frau erscheinen, die dem Verdruss über ihr Leben nur noch durch Drogen entkommen kann. Die Parolen über die Stärke und Selbstdisziplin von Drogenkonsumenten und das vorsichtige Aufbrechen der Maske lassen sehr deutlich werden, wie sich ein Mensch hier in seiner Selbsttäuschung eingerichtet hat. Bis hin zur letzten Szene, in der Hanna sich in einen Stuhl kuschelt, der vom sanften Licht einer Stehlampe beschienen wird.
Zuvor hat sie sich noch vorgestellt, wie die Menschen nach ihrem Tod über sie reden sollen: „Diese Frau war voller Liebe“, soll man über sie sagen. Dabei wird dann auch deutlich, was Hanna letztendlich auf den Trip gebracht hat: Sie ist an ihrem Anspruch gescheitert.
Weitere Aufführungen am 29.September; 11., 12., 20., 25. Oktober, 8. und 9. November sowie am 1.Dezember.