In der Sonne schimmert der rostende Stahl mal wie schmutziges Gold, mal wie Honig und ungeschliffener Bernstein; unter einem dunklen Wolkenhimmel nähern sich das glanzlose Grün des Parks und das stumpfe Rostbraun der Skulpturen im Farbton verblüffend an.
Wieder haben die Ecke-Galeristen Anette Urban und Wolfgang Reichert den historischen Park des Kurhauses in Göggingen zu einem besonderen Ausstellungsort gemacht, in dem das Zusammenspiel von Kunst und Natur unaufdringlich, aber nachhaltig wirkt.
Mit den Plastiken des renommierten Stahlbildhauers und Theologen Jürgen Knubben (geboren 1955 in Rottweil) behalten Urban und Reichert ihre Linie und die „rostige“ Handschrift bei, die auch den Arbeiten der in den Jahren zuvor im Kurhauspark präsentierten Künstler Willi Weiner (Stuttgart) und Karl Maurer (Günzach) zu eigen ist.
Jürgen Knubben, dessen Werke vor allem in Süddeutschland bekannt und im öffentlichen Raum präsent sind, passt auch formal in die Reihe „Park-Novellen“. Der Bildhauer aus Rottweil hat sich einfachen, archaischen, klaren Formen wie Turm, Pyramide, Treppe, Säule, Linse, Rad und Leiter verschrieben. Nur ein kleiner Ausschnitt aus diesem imposanten Werk ist im Kurhauspark zu sehen.
Wie Weiner und Maurer beschwört Knubben mit seinen Werken die Essenz der Zivilisation, nimmt Maß am Menschen und seinem Schaffen. Bewusst setzt er seine Werke der Korrosion aus, die Farbe, Oberflächenstruktur und Materialeigenschaften verändert und der Kunst einen eigenen Prozess der Vergänglichkeit gleichsam von Anfang an einschreibt.
Ein Linsen-Paar als Gegengewicht
Im Kurhauspark sind sechs Werke bzw. Werkgruppen zu sehen, die aus den Jahren 1999 bis 2012 stammen. Charakteristisch für Knubbens Skulpturen sind scharfe Kanten und präzise Winkel, Spitzen und Knicke. Einige Plastiken scheinen sich gleichsam in den sie umgebenden Raum hineinzubohren – wie die vierteilige, extrem schlanke und pfeilspitze Pyramide von 1998. Auf andere Weise gilt das auch für die wie eine Sichel im Gras liegende „Schaukelpyramide“ von 2009. Das fein ausbalancierte Gleichgewicht ist bedrohlich, so spitz verjüngt sich das eine Ende des Bogens. Wie ein Gegengewicht dazu wirkt das Linsen-Paar (1999) mit seinen abgerundeten Konturen, das sich dem Auge des Betrachters in perfekter Harmonie darbietet. Eine der großen Linsen liegt wie eine gelandete fliegende Untertasse im Grün, die andere steckt hochkant im Boden und ist nur ein halbe Scheibe.
Ein Dualismus, wie ihn Jürgen Knubben in dieser Ausstellung als Beziehung zwischen zwei Werken auch an anderer Stelle noch zeigt. Nämlich in den sich gegenüberstehenden beiden turmartigen Arbeiten einer Stufenpyramide aus dem Jahr 2009 und einer in diesem Jahr entstandenen Säule, die Knubben in Erinnerung an den rumänisch-französischen Bildhauer „Hommage à Brancusi“ betitelt hat.
Materialreiz und Konstruktion gehen in diesen Türmen eine schöne Verbindung ein. Knubben lotet in seinen Arbeiten Fragen von Stabilität, Erdenschwere und Gleichgewicht aus. Er ruft zugleich Bilder aus dem Gedächtnis himmelstrebender Baugeschichte auf. Der Turm als Experiment, mit dem Grenzen ausgereizt und vielleicht sogar überschritten werden.
Der Kurhauspark mit seinem alten Baumbestand und den Wiesen lädt ein, die Skulpturen in ihrer stillen Gegenwart zu umkreisen und immer neue Sichtachsen und Perspektiven zu erkunden. Lichteinfall und Schatten ändern das Erscheinungsbild der Plastiken je nach Standpunkt. Und ihre rostige Haut kann morgen schon anders aussehen als heute.
Laufzeit bis 7. Oktober. Geöffnet ist der Park in der Regel täglich 9–20 Uhr. Informationen über die Ecke-Galerie am Elias-Holl-Platz und im Internet unter www.eckegalerie.de