Sein Bekehrungserlebnis war eine Preisfrage der Akademie Dijon: Hat der Fortschritt der Wissenschaften und Künste zum Verderb oder zur Veredelung der Sitten beigetragen? Jean-Jacques Rousseau, der Philosoph des „Natürlichen“, wusste sofort, was zu antworten ist. Jawohl, die gekünstelte und überfeinerte Art hat die alte, einfache Tugend untergraben. Rousseau folgte darin direkt den antiken Schriftstellern. Wie viele Bezüge zur Antike in Rousseaus Werk stecken, legte Prof. Heinrich Schlange-Schöningen an der Uni im Colloquium Augustanum zum Auftakt der Ringvorlesung zum 300. Geburtstag Rousseaus dar.
Besonders der altrömische Konsul Gaius Fabricius, der im Kampf gegen König Pyrrhus auf Kriegslist verzichtete, war Rousseau der Inbegriff des aufrechten Mannes. Auch der Sohn eines Genfer Uhrmachers, der vom Calvinisten zum Katholizismus konvertierte und später mit einer Wäscherin in Paris fünf Kinder hatte, legte in seinen „Bekenntnissen“ schonungslos sein Leben offen – immer in Anspielung auf antike Autoren, die ihm Maß waren.
Stark erlittene soziale Minderwertigkeit
Für die Entwicklung von Rousseaus Naturphilosophie machte Schlange-Schöningen vor allem dessen stark erlittene soziale Minderwertigkeit verantwortlich. Er prangerte die gesellschaftliche Ungleichheit an, die durch Eigentum verursacht werde, verglich ihre Wirkung mit dem sagenhaften König Midas, dem alles, was er berührte, zu Gold wurde, sodass er elend verschmachten musste. Aus dem Streben nach Eigentum resultiere auch die Gewalttätigkeit.
In seiner Kulturkritik radikalisierte sich Rousseau immer mehr, geißelte den Sittenverfall seiner Gegenwart wie seinerzeit Roms Dekadenz und stellte die Monarchie infrage. Sein Ideal wurden Sparta und die Skythen in ihrer „glücklichen Unwissenheit“. In seinem Buch über den „Gesellschaftsvertrag“, 1762 erschienen und sofort verboten, zeichnete Rousseau einen idealen Staat, der in der Lage ist, eine ungefähre Gleichheit aller seiner Mitglieder zu gewährleisten. Im Erziehungsroman „Emile“ warb er für den natürlichen Menschen.