Wem beim Zocken das Bargeld ausgeht, erhält beim „Spiel-77-Casino“ in Lechhausen schnell Nachschub. Man muss nur einen Schritt vor die Tür machen. Direkt neben dem Eingang der Spielhalle wurde ein Geldautomat aufgestellt. Aus Sicht von Spielsucht-Experten ist das ein Unding. Es fördere die Sucht, weil der Spieler sein Spiel nicht unterbrechen müsse, sagt Udo Büchner-Kühn von der Fachstelle Glücksspielsucht bei der Caritas. Auch Ordnungsreferent Dirk Wurm (SPD) hält den Standort des Automaten für „moralisch bedenklich“.
Allerdings: Der Stadt sind in diesem Fall die Hände gebunden. In den Spielhallen selbst sind die Geldautomaten nicht erlaubt. Doch vor dem Gebäude habe man dagegen keine Handhabe. Deshalb würden sie eben so nahe wie möglich aufgestellt. Der Fall in Lechhausen ist nicht der einzige. Angesichts solcher Methoden erscheinen die Beteuerungen der Spielhallen-Betreiber, konsequent gegen Spielsucht vorzugehen, eher unglaubwürdig. Auch das „Spiel-77-Casino“ betont auf seiner Internetseite: „Unsere geschulten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in der Lage, problematisches und pathologisches Spielverhalten zu erkennen.“
Für kleinere Kneipen sind Automaten überlebenswichtig
Anders sieht das aber Udo Büchner-Kühn von der Caritas, wo seit Jahren immer mehr Spielsüchtige beraten werden. Zuletzt waren es rund 200 pro Jahr. Er hält entgegen: „Die Sozialkonzepte der Betreiber bringen nach unserer Auffassung nichts.“ Süchtige berichten ihm, dass das Personal bei auffälligem Spielverhalten praktisch nie einschreitet. Jahrelang sind in der Stadt immer mehr Spielhallen entstanden. Dieser Trend scheint gestoppt. Die Zahl der Casinos pendelte sich zuletzt bei rund 90 ein. Trotzdem werden immer mehr Spielgeräte aufgestellt. In Gaststätten kommen neue Automaten hinzu. Für viele kleinere Kneipen seien die Gelder, die von den Automatenaufstellern fließen, inzwischen überlebenswichtig, sagt Bernd Hofmann vom Ordnungsamt der Stadt. Dabei sind die Geräte in den Kneipen aus seiner Sicht fast noch problematischer.
Im Unterschied zu den Casinos darf hier auch Alkohol ausgeschenkt werden. Und es gibt außer der Putzstunde zwischen 5 und 6 Uhr in der Früh keine Sperrzeit. Die Spielhallen dagegen müssen in Augsburg zumindest zwischen 3 und 9 Uhr zusperren. Unabhängig von der Frage, wo sie stehen, sind die Geldspielgeräte ein großer Suchtfaktor. Zwischen 75 und 90 Prozenten der Süchtigen, die Udo Büchner-Kühn berät, kommen nicht von den Automaten los. Die krankhaften Zocker sind in der Regel Männer zwischen 25 und 40 Jahren. Viele haben einen niedrigen Bildungsgrad und Migrationshintergrund. In letzter Zeit kommen aber auch öfter Frauen zur Caritas, die das Spielen nicht kontrollieren können. Die Hintergründe bei Frauen sind meist psychische Probleme, Einsamkeit und Armut.
Sportwetten laufen an Terminals
Ein wachsendes Problem sind auch Sportwetten. Hier steigt laut Caritas die Zahl der süchtigen Zocker. Dass die Wetten boomen, bemerkt man auch bei der Stadtverwaltung. Zwar gibt es derzeit nur zwei klassische Sportwettbüros. Deren Zahl war vor einigen Jahren schon einmal deutlich höher. Das Geschäft spielt sich inzwischen aber vor allem an sogenannten Wettvermittlungsterminals ab. Sie stehen in Videotheken, Solarien, Handyläden oder Lokalen. Bei der Stadt spricht man von einem „massiven Anstieg“ in diesem Bereich. Inzwischen gebe es eine dreistellige Zahl solcher Terminals im Stadtgebiet.
Die Kontrolle, ob bei den Sportwetten alles mit rechten Dingen zugeht, ist deshalb schwierig. Erlaubt sind eigentlich nur Ergebniswetten – das heißt, beim Fußball darf zum Beispiel nur auf den Endstand getippt werden. Gefragt sind heute aber auch Wetten, wer den nächsten Freistoß bekommt oder welches Teams als Nächstes eine Gelbe Karte kassiert. Darauf kann aber auch die Wettmafia mit gekauften Spielern viel besser Einfluss nehmen. Rund 120 Verstöße gegen das Spielrecht wurden voriges Jahr in der Stadt festgestellt. Es ist wohl nur die Spitze des Eisbergs. Dass Betreiber etwas zu verbergen haben, bemerken die Mitarbeiter der Stadt immer wieder. Wenn etwa plötzlich der Strom ausfällt, wenn Kontrolleure ein Geschäft betreten.