Markus griff zu: „Ich wollte sicher sein, dass Ausdruck und Grammatik stimmen.“ Denn er weiß, dass die Professoren sehr darauf achten. „Ein Freund von mir wurde von der Professorin wegen seines Stils und Ausdrucks kritisiert“, erklärt er.
Markus ist nicht allein. Studenten greifen vermehrt auf professionelle Hilfe hauptberuflicher Lektoren zurück. Und sind dafür auch bereit, viel Geld zu zahlen. Die große Anzahl von Anbietern allein im Internet zeigt, dass die Nachfrage heute schon hoch ist. So bietet Studi-Coach e.V. in Hamburg deutschlandweit seine Dienste an. Geschäftsführer und Coach Kai Stapelfeldt kennt seine Kunden: „Neben unsicheren Studenten nehmen auch viele Immigranten und Legastheniker das Lektorat in Anspruch.“ Studenten schicken ihre wissenschaftlichen Arbeiten einfach digital an das Lektorenbüro. Neben dem Korrektorat (Korrektur der Grammatik) bietet der Studi-Coach auch ein Lektorat (Korrektur Grammatik und Verständnis) und auch ein Lektorat mit Kommentaren an.
Bei letzterem geben die Lektoren, die teilweise an der Universität beschäftigt waren oder sind, noch Tipps bei inhaltlichen Schwächen. Und das hat seinen Preis. Je nach Leistung kostet die Korrektur einer Seite zwischen 4,50 und 6,50 Euro. Und seitens der Universitäten sind laut Kai Stapelfeldt wegen dieser Hilfe keine Probleme zu erwarten: „Verschiedene Lehrstühle wünschen sich, dass wir den Studenten Tipps für ihre Arbeiten geben.“
In Augsburg sieht man das hingegen anders. Nach Angaben der Uni-Pressestelle wird die Korrektur der Arbeiten durch Lektoren sehr kritisch betrachtet. Da der Student versichert, seine Arbeit selbstständig und ohne Hilfsmittel verfasst zu haben, ist es schwer nachzuvollziehen, in welchem Umfang der Lektor die Arbeit korrigiert hat. Klaus Prem, Pressesprecher der Universität Augsburg, sagt, das Engagieren eines Lektors sei „unter moralisch-ethischen Gesichtspunkten durchaus fragwürdig“. Und wenn die Arbeiten eine komplette „sprachliche und formale Aufhübschung“ erfahren, wird es erst recht schwierig. Denn laut Prem gehören die geforderten Standards von Stil und Ausdruck schlicht zur Leistung einer Abschlussarbeit und fließen somit in die Bewertung ein.
Mit einem Lektor stammt die Leistung dann nicht mehr vom Autor allein. „Wer die Dienste solcher Lektoren beim Verfassen seiner wissenschaftlichen Qualifikationsarbeit in Anspruch nimmt, begibt sich jedenfalls rechtlich wie moralisch in eine Grauzone“, erklärt Prem. Obwohl die Lektorenarbeit an einer wissenschaftlichen Abhandlung wohl schwerlich nachzuweisen sei, könne bei einem Beweis laut Prem rechtlich Täuschung und Unterschleif vorgeworfen werden. Denn nach der Prüfungsordnung darf nur die eigene Leistung des Prüfenden bewertet werden.
Und im Falle der Täuschung kann die Prüfungsleistung, und im schlimmsten Fall auch der gesamte Studiengang, als nicht bestanden bewertet werden. Anna*, 26, überlegte ebenfalls, ihre Hausarbeit, die sie als Voraussetzung für die Diplomarbeit ihres Studienfachs Betriebswirtschaftslehre geschrieben hatte, professionell korrigieren zu lassen.
Ausschlaggebend für ihre Entscheidung war, dass ihre Freundin keine Zeit zum Lesen hatte. „Ich habe im Internet nach Lektoren gesucht. Bin aber schnell wieder von der Idee abgekommen“, erzählt sie. Ihr war es zu teuer. Zudem konnte Anna nicht herausfinden, was der Lektor genau an der Arbeit verändern würde. Später las die Freundin dann doch noch Korrektur.
Angst, dass es durch die Korrekturen des Lektors Schwierigkeiten mit der Uni geben würde, hatte sie nicht. „Wenn es günstiger gewesen wäre, hätte ich es schon gemacht. Aber ich hätte nur die Grammatik verbessern lassen“, sagt Anna. Markus hat es nicht bereut: „Ich habe eigentlich alles übernommen. Es hat einfach Sinn gemacht.“ Offen darüber reden, würde er trotzdem nicht. Es sei eben nicht klar, ob es rechtlich erlaubt sei. Und so bewegen sich immer mehr Studenten in einer gesetzlichen und moralischen Grauzone. Für den perfekten Stil und Ausdruck.
*Namen geändert