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Intensivpflege: Über das Leben nach dem Unfall

Intensivpflege

Über das Leben nach dem Unfall

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    Susanne Zahn wird Walter Bartosch weiter zur Seite stehen, auch wenn er seit einem Unfall nicht mehr der Mann ist, in den sie sich einst verliebte.
    Susanne Zahn wird Walter Bartosch weiter zur Seite stehen, auch wenn er seit einem Unfall nicht mehr der Mann ist, in den sie sich einst verliebte. Foto: Ruth Plössel

    Johanna Resch scheint die Welt um sich herum nicht wahrzunehmen. Sie sitzt im Rollstuhl, ihr Blick geht ins Leere. Tochter Brigitte Seidl gibt nicht auf. Sitzt neben ihrer Mutter, streicht ihr immer wieder über den Arm, bezieht sie mit ein ins Gespräch. „Gell Mutti, schön hier“, fragt sie. Keine Reaktion. „Schön hier“, wiederholt die Tochter. Und da ist es: ein kleines „Ja“. Ein Wörtchen, das zeigt, dass sie dabei ist, dass Johanna Resch etwas wahrnimmt von der Welt um sie herum.

    Ein Wort, das die Tochter glücklich macht und ihr die Bestätigung gibt: Es hat sich gelohnt, nicht aufzugeben, damals nach dem schweren Autounfall. 66 Jahre war Johanna Resch alt. Sie war mit ihrem Ehemann auf der Rückreise vom Wallfahrtsort Altötting, als plötzlich ein entgegenkommendes Auto frontal in ihren Wagen krachte. Ihr Mann war sofort tot. Johanna Resch wurde schwerst verletzt. „Man hat ihr praktisch keine Überlebenschancen eingeräumt“, erzählt die Tochter Brigitte Seidl.

    Johanna Resch hat es dennoch geschafft. Doch das Schädel-Hirn-Trauma, das sie bei dem Unfall erlitten hatte, war schwerwiegend, die Stammhirnverletzung folgenreich. Noch heute befindet sie sich im Wachkoma. Im Sozialzentrum der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in der Hammerschmiede wird sie betreut. Mit der aktiven, rüstigen Frau, die sie vor jenem schicksalhaften Tag im Sommer 1998 war, hat Johanna Resch kaum noch etwas gemein. Es ist ein anderes Leben, das ihre Mutter nun führt, sagt Tochter Brigitte Seidl. Doch missen möchte sie keine Sekunde.

    Brigitte Seidl weiß, dass viele Menschen das nicht verstehen können. Hätte sie es besser, wenn es vorbei wäre? Wenn die Ärzte nicht alles unternehmen würden, um ihr Leben zu erhalten? Brigitte Seidl hat diese Fragen schon gehört. Hätte sie es besser, wenn sie tot wäre? Die Tochter stellt sich diese Frage nicht. Schließlich gehe es um ihre „Mutti“. Um die Frau, die immer für sie da gewesen ist. „Das kann ich ihr jetzt zurückgeben“, sagt die Tochter. Für sie ist jeder kleine Fortschritt, jede Regung ein Geschenk. Und die „Mutti“ werde gut betreut hier im AWO-Sozialzentrum, sagt sie.

    Das Heim bietet eine Intensivpflege für Menschen mit Schädel-Hirn-Verletzungen. Es ist die einzige Einrichtung dieser Art in der Region. 27 Bewohner leben hier. Der Jüngste ist gerade 17 Jahre alt. Menschen, die Hirnblutungen hatten, die unter Sauerstoffmangel litten oder bei Unfällen schwer verletzt wurden. So wie Johanna Resch.

    Sechs Monate Schweigen

    Monatelang war sie nach dem Unfall gar nicht ansprechbar. Auch nicht, als sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde und in eine Rehaklinik kam. Ein halbes Jahr dauerte es, bis sie dort ihr erstes Wort sprach. „Das war der Wahnsinn“, erinnert sich die Tochter. Nach einem Dreiviertel Jahr erklärten die Ärzte Brigitte Seidl, dass ihre Mutter nun „austherapiert“ sei. Dass sich ihr Gesundheitszustand durch Therapien vorerst nicht mehr verbessern würde. Dass sie nun als Wachkomapatientin in ein Pflegeheim müsse. Für Brigitte Seidl unfassbar: „So sollte ihr Lebensabend nicht aussehen.“

    Die Station für Intensivpflege in der Hammerschmiede war gerade erst im Aufbau, als Johanna Resch einzog. Sie habe sich dort sofort wohlgefühlt, sagt die Tochter. Und doch war die erste Zeit hart. Brigitte Seidl besuchte ihre Mutter jeden Tag. Tägliche Gespräche, Streicheleinheiten. Doch kaum eine Reaktion. „Es kam einfach nichts“, sagt sie. „Das tut jedes Mal aufs Neue weh.“

    Viele Angehörige und Freunde, das hat der Leiter des Sozialzent-rums, Peter Luibl, schon oft beobachtet, kommen damit nicht klar. Manche brechen den Kontakt zu den Bewohnern sogar ganz ab. „Das ist nicht mit bösem Willen zu erklären“, sagt er. „Aber das, was die Beziehung zu diesen Menschen früher ausgemacht hat, das existiert dann plötzlich nicht mehr.“

    Ein Tag veränderte alles

    Susanne Zahn ist es genauso ergangen. Sechs Jahre hatte die heute 44-Jährige mit ihrem Lebensgefährten Walter Bartosch und der gemeinsamen Tochter zusammengelebt, sie hatten Pläne. Ein einziger Tag veränderte alles. Es passierte im Juli 2006: Der Kaminbauunternehmer Bartosch verunglückte auf einer Baustelle, er stürzte aus acht Metern Höhe zu Boden. Sein Gehirn wurde dabei so schwer verletzt, dass er monatelang im Koma lag, keine Regung zeigte. Weil er beatmet werden musste, bekam er einen Luftröhrenschnitt und eine Kanüle gelegt. Fast vier Jahre lang konnte er deswegen nicht sprechen. Susanne Zahn blieb an seinem Bett: erst im Krankenhaus, später in der Rehaklinik und auch als er ins Sozialzent-rum in die Hammerschmiede kam. Doch der heute 62-Jährige ist nicht mehr der Mann, in den sie sich einst verliebt hat.

    Susanne Zahn fand einen neuen Partner, sie heiratete. Walter Bartosch hat sie von all dem erzählt. „Du musst bei mir bleiben“, habe er ihr entgegnet. „Aber mein Leben muss doch weitergehen“, sagt Susanne Zahn. Ein Leben, zu dem trotz aller Veränderungen auch immer Walter Bartosch gehören wird. „Ich werde ihn nicht alleine lassen.“

    Dieses starke Gefühl der Verantwortung, der Wunsch, den Menschen, der einem so viel bedeutet, zu begleiten, der treibt viele der Angehörigen hier in der Hammerschmiede an. „Es zieht mich einfach hierher“, sagt auch Brigitte Seidl. Sie will die Zeit mit ihrer Mutter nutzen – auch, um sich zu verabschieden. „Ich werde mit ihr diesen Weg gehen“, sagt sie. Bis zum Ende.

    Und dann sind da die vielen kleinen Fortschritte der Patienten, die sich oft auch nach vielen Jahren noch einstellten: ein Lächeln, ein paar Worte. Walter Bartosch kann inzwischen einige Schritte alleine gehen. Einige Patienten, denen man kaum eine Chance gegeben hätte, konnten das Heim sogar verlassen, weil sie keine so intensive Betreuung mehr brauchten, erzählt Peter Luibl.

    Johanna Resch reagiert inzwischen auf die Fragen ihrer Tochter. Walter Bartosch kann alleine essen. Das sind für die Angehörigen Glücksmomente. Momente, die die Frage, ob ein solches Leben noch Sinn macht, für sie nicht zulassen.

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