Er hat nach wie vor eine Bühnenpräsenz, die seinesgleichen sucht. Als Konstantin Wecker ins Licht der Scheinwerfer vor das Publikum in der so gut wie ausverkauften Kongresshalle tritt, hat er schon gewonnen. Die meist mit ihm ergrauten Fans feiern ihn von der ersten Minute an wie in besten Zeiten.
Kein Wunder: Der Münchner ist in den vergangenen Jahren gereift. Wo früher barocke Kraft vorstürmend ihren Weg suchte, mischen sich mehr und mehr auch leise Töne. Diese Nachdenklichkeit tut Weckers Vortrag und Liedern ebenso gut wie seine heiteren, selbstironischen Einschübe.
Die Gefühlslage des Künstlers spiegelt sich in dem aktuellen Album zwischen „Wut und Zärtlichkeit“ wider, dessen Titel das Korsett des Konzerts bilden. Auch wenn ihn die Musen im Alter seltener küssen, wie er offen kokettiert, sie tun es nach wie vor so heftig, dass seinen neuen Stücken nichts an Glaubwürdigkeit abgeht.
In Liedern wie „Absurdistan“ oder „Weltenbrand“ rechnet er beispielsweise mit dem Neoliberalismus und dessen menschenverachtenden Folgen ab. Das tun derzeit viele Künstler, aber kaum jemand tut es so poetisch und klangvoll wie Wecker.
Zu verdanken hat der Liedermacher diese Gabe seinen Eltern, vor allem seinem Vater, einem unbekannten Sänger, der ihn früh in die Welt der Oper einführte. Auch Weckers Stücke sind bisweilen Dramen, Miniatur-Opern in Liedform sozusagen. Inzwischen dosiert der Autor freilich das Pathos, selbst in Stücken wie „Frieden im Land“, und bedient sich zudem gerne aller möglichen Musikstile – von Reggae („Es gibt nichts Gutes“) bis Rock („Empört Euch!“) – die er mit seiner großartig-kreativen Combo dynamisch interpretiert.
Samt Band mit dem wunderbaren Pianisten Jo Barnikl an der Spitze spannt Wecker ein locker geknüpftes, bisweilen weltmusikalisch geprägtes Klangnetz. Vor allem Schlagzeuger, Sänger und Gitarrist Jens Fischer eröffnet mit seiner Variabilität Spielräume für die neuen Arrangements. Mit Nils Tuxen ist zudem – von Bass bis Pedal Steel – ein zusätzlicher Virtuose mit an Bord. So kommt Wecker mit musikalischer Finesse daher.
Wecker scheut sich auch nicht, bayerisch-heimatliche Stücke zu interpretieren und deren schlichte musikalische Form und bodenständige Weisheit zu veredeln: „Heit is so schee, so schee scho a, unbandig schee, wias nia net woa“, singt er über einen breiten Klangteppich. Das ist berührend-feiner Optimismus. Und wenn der Musiker, Texter und Komponist, der am 1. Juni 65 Jahre alt wird, über den Abschied von dieser Welt („Es geht zu Ende“) philosophiert und im übernächsten Stück mit der Erkenntnis endet: „I schenk mi her, bin ois und neamad mehr, nur mehr a Tropfal im Meer“ – so ist das ein wunderbares Symbolbild des Lebens wie des Todes.
Wecker selbst scheint seine Konzerte mehr zu reflektieren und bewusster mitzuerleben als früher. Das Rauschhafte ist gewichen, geblieben ist der Genuss. Und auch wenn der Rücken des ins Alter Gekommenen schon erste Krümmung zeigt, und der Schritt auch nicht mehr so federnd leicht wie früher ist – Konstantin Weckers radikal-poetische Sicht auf die Welt ist frisch und lebendig wie eh und je.