Samstag, 24. Februar 2018

17. Juni 2010 06:31 Uhr

Vom Fressen und Gefressenwerden

Fleischfressende Pflanzen, Ameisen, die Sklaven halten, und Spinnen, die tapezieren können: Seit über 160 Jahren sind die Lechauen südlich von Augsburg ein Dorado für Naturforscher. Auf ihren Streifzügen entdeckten sie schon früh die einzigartige Artenvielfalt dieser Landschaft.

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Der Grund für den Artenreichtum war die gestaltende Kraft des Lechs. Mit seinen reißenden Hochwässern schuf er ein Mosaik unterschiedlicher Lebensräume. Wer vor 100 Jahren von Haunstetten querfeldein den Lech erreichen wollte, musste erst lichte Kiefernwälder durchwandern und sich durch dichtes Gestrüpp aus Sanddorn, Schlehen und Berberitzen kämpfen. Außerdem waren blütenreiche Lichtungen, Quellfluren und Rinnen mit klarem Wasser zu überqueren.

Erst dann stand man vor der atemberaubenden Weite des Lechs. Bis zu zwei Kilometer breit war sein Flussbett. In der hochwasserfreien Zeit bestand es aus ausgedehnten Kiesbänken, die von einem Netz an Flussarmen durchzogen waren. Nach dem verheerenden Hochwasser 1910 wurde der Lech in ein enges Korsett aus Dämmen gezwängt und so von seinen Überschwemmungsgebieten getrennt. Vor allem die Lebensräume, die auf die stetige "Erneuerung" durch die Wassermassen angewiesen waren, gingen verloren - und damit auch ihre Artengemeinschaften.

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Trotz der erheblichen Eingriffe des Menschen und dem damit verbundenen Artenschwund ist der Augsburger Stadtwald auch heute noch eines der artenreichsten Naturschutzgebiete Bayerns. Bei einer im Jahr 2005 durchgeführten Arteninventur stellten Experten fast 3000 Arten fest.

Wehe, ein Insekt kriecht über das Blatt

Eine aus der Riege der Besonderheiten ist die lilafarbene Sumpfgladiole. Mit mehr als 400 000 Exemplaren beherbergt der Stadtwald weltweit das größte Vorkommen dieses Schwertliliengewächses. Weniger auffällig, aber nicht minder interessant, ist das Fettkraut: eine fleischfressende Pflanze, die es feucht und zugleich sonnig liebt. Die klebrigen Blätter liegen dicht am Boden. Läuft ein Insekt darüber, bleibt es hängen. Die Blätter rollen sich ein und der Fang wird verdaut. Auf diese Weise versorgt sich die Pflanze mit Nährstoffen, die im kargen Kiesboden Mangelware sind.

41 Ameisenarten leben im Stadtwald. Darunter einige Seltenheiten wie die Harpa-Ameise. Im Alleingang erobert die Jungkönigin Nester anderer Ameisenarten und tötet deren Königin. Die Arbeiterinnen werden versklavt und müssen "normale" Arbeiten, wie Nestbau, Nahrungssuche oder Brutpflege übernehmen. Um für Nachschub an Sklaven zu sorgen, unternehmen die Harpa-Ameisen Raubzüge, bei denen sie aus anderen Nestern Puppen sowie größere Larven entführen. Sie bilden dann eine neue Generation der Arbeitersklaven.

Eine faszinierende Jagdstrategie verfolgt die zwei Zentimeter große Tapezierspinne. Sie lebt in Erdröhren, die mit Spinnseide ausgekleidet sind. Die "Tapete" der Wohnröhre geht in einen seidigen Fangschlauch über, der gut getarnt auf dem Boden liegt oder an Pflanzen befestigt ist.

Sobald ein Beutetier über den Fangschlauch stolpert, schnellt die Tapezierspinne hervor und tötet die Beute mit einem Biss durch die Schlauchwand. Die Spinnenart ist eng verwandt mit den Vogelspinnen. Bis zu neun Jahre alt werden die Tiere, die bevorzugt an sonnigen Waldrändern in Kolonien leben.

Unter Einsatz von Maschinen, Schafen, Ziegen und seit 2007 auch mit Wildpferden und Rothirschen versucht der Landschaftspflegeverband, die verbliebenen Reste der Biotope mit ihren Artengemeinschaften zu erhalten.

Einen vollwertigen Ersatz für die ursprüngliche Dynamik des Lechs werden diese Formen der Landschaftspflege jedoch nie darstellen können. Nicolas Liebig

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