Dr. Peter Radtke, Philosoph, Schauspieler und Mitglied des Nationalen Ethikrats, wurde einmal von einem Journalisten gefragt: "Schauen Sie oft in den Spiegel?". "Nein", hatte Radtke geantwortet, der seit seiner Geburt die Glasknochenkrankheit hat, "ich schaue nicht in den Spiegel, weil in meinem Kopf ein anderes Bild ist als das, was mir im Spiegel entgegenblickt." Welches Bild vom Menschen herrscht gegenwärtig in unserer Gesellschaft vor? Bei einem "Sommergespräch" im Maria-Ward-Gymnasium trat Peter Radtke als scharfer Mahner auf.

"Wir erleben im Augenblick eine gefährliche Entwicklung", sagte er. Menschen mit einer geistigen Behinderung, jenen, denen das Bewusstsein ihrer selbst abgesprochen werde, würden nicht mehr als Glied der menschlichen Gesellschaft angesehen. Radtke nannte etwa Demenz- oder Komakranke. Die Forderung nach einem einheitlichen Menschenbild führe dazu, dass die Dimensionen des Menschen verkürzt würden. Die Folge sei Gleichmacherei. Die physischen und psychischen Eigenarten von Menschen fallen seiner Meinung nach aus diesem Bild heraus.
Kritisch merkte Peter Radtke auch an, dass der Mensch in unserer Gesellschaft umso höher eingeschätzt werde, je mehr er zu ihrem Wohlergehen beiträgt. "Das Gewinnstreben" und "der Faktor Geld" spielten beim herkömmlichen Menschenbild eine entscheidende Rolle. "Was nützt es, täglich 14 Stunden zu arbeiten", fragte Radtke an, "wenn für die bereichernden Dinge keine Zeit mehr bleibt?" Im Blick auf den Anfang menschlichen Lebens machte Radtke deutlich, dass die Pränataldiagnose "von der Gesundheitsvorsorge zum reinen Selektionsmechanismus" geworden sei, bei dem Eltern anheimgestellt werde, behinderte Kinder auszumerzen. Scharf auch erhob Radtke seine Stimme gegen die Möglichkeiten der Präimplantations-Diagnostik, wo sich das "Designerdenken, das Kind als Ersatzteillager fürs Geschwisterkind" anzusehen, Bahn brechen könnte. Seine Zuhörerinnen, die Schülerinnen des Maria-Ward-Gymnasiums, fragte Radtke: "Wie ginge es Ihnen ganz persönlich, wenn Sie wüssten: Ich bin gezeugt worden zum Zwecke meines Geschwisterkinds, und nicht mehr um meiner selbst willen?"
Mit einer "theologischen Replik" ergänzte Weihbischof Anton Losinger, auch Mitglied des Nationalen Ethikrats, Peter Radtkes Ausführungen. Losingers Grundthesen: "Wir brauchen kein anderes Menschenbild, sondern eine neue Fundierung der Menschenrechte - die es nicht geben kann ohne die Menschenwürde." Und: "Die Unantastbarkeit der Menschenrechte lebt davon, dass sie transzendent begründet wird." Die Wahrung der Menschenrechte sehe er als "globale Herausforderung" an.
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