Die einen haben den kleinen Mann im Ohr. Diesem Mann, der abgespannt aus dem Büro kommt und nur mehr seine Quiz-Show im Fernsehen anschauen mag, begegnet er auf Schritt und Tritt. Der ungebetene Gast ist sein Schatten, sein Spiegelbild, sein Sparringspartner. Warum ist er hier? „Weil du hier bist.“ Niemals nennt der Unheimliche seinen Namen, nie seinen Auftrag oder sein Ziel. Er ist einfach nur da, hartnäckig und nicht abzuschütteln.
Es ist ein surreales Stück, das Sebastian Seidel mit „Quiz-Show“ für sein S’ensemble-Theater schrieb. Vor elf Jahren wurde es in der Kulturfabrik uraufgeführt, 2002 erhielt Seidel dafür den Augsburger Kunstförderpreis. Jetzt hat er das beklemmende Kammerspiel neu inszeniert. Dass es bei der Premiere am Samstagabend durch einen Sanitäter-Noteinsatz zu einer spontanen zusätzlichen dramatischen Zuspitzung und einer unvorhergesehenen Pause im durchgängigen Erzählfluss kam, steckten die beiden Schauspieler Florian Fisch und Birgit Linner als Schattenmann professionell weg.
Gerade hatte nämlich ihr Spiel, das eine Zeit lang in den immer gleichen Bewegungsabläufen repetierte, wieder Fahrt aufgenommen. Denn endlich hatte dieser einsame Mann, dessen Frau zu früh bei einem Autounfall gestorben war, den Plan gefasst, sich mit neuem Elan und Outfit dem Leben und der Liebe wieder zuzuwenden. Zweimal musste er die fetzigen Klamotten von damals auspacken und sie peinlich gockelig sich selbst präsentieren, um nur ja der jungen Kundin zu imponieren.
Florian Fisch und Birgit Linner bewegen sich in einem abgezirkelten Raum, der zwar eine Tür, aber keinen wirklichen Ausgang hat. Die Möblierung darin ist steril weiß, die Wege beschränken sich auf Stege, die im Kreis herumführen. In der Ebene darunter nistet nur der ungemütliche Gast, den man Über-Ich, Unterbewusstsein oder Alter Ego nennen könnte. Birgit Linner spielt ihn mit köstlich parodistischer Pantomime, die auch im Schweigen unaufhaltsam beredt ist. Florian Fisch gibt den in seiner Privatheit empfindlich gestörten Menschen, der sich beobachtet, kontrolliert und verhört fühlt und doch dieses Gegenüber für seine Selbstgespräche auch braucht und schätzt.
Durchgängiger dramaturgischer Rahmen ist die imaginäre Quiz-Show, in die sich das Duo auf seiner Couch ständig hineinzappt. Eine Alltagsroutine zum Abschalten, unter deren Oberfläche jedoch viele ungelöste existenzielle Fragen brodeln: Schuldgefühle, Aggression, Verdrängtes, Fluchten in Sucht, Arbeit und Illusionen. So unbestimmt wie das Verhältnis beider Figuren wabert auch die elektronisch verfremdete Musik von Eric Zwang-Eriksson durch das Stück.
Dem Publikum gönnt Sebastian Seidel, der selbst Regie führt, assistiert von Gianna Formicone, keinen unbeschwerten Komödienabend, auch wenn einiges so heiter aussieht. Der Blues bricht immer wieder durch – buchstäblich in stark abgebremsten, wortlosen Phasen im blauen Lichte. Und am Ende dunkle Nacht, abrupte Finsternis, Raum zum Weiterdenken ohne weitere bildliche Vorgaben. Kräftiger, lang anhaltender Applaus für starke schauspielerische Leistungen und eine mit zunehmenden Tempo packende Inszenierung.
Weitere Aufführungen: 2., 3., 10., 16., 17., 23., 24., 30. und 31. März, 20. und 21. April. Karten: Tel. 08 21/ 34 94 666, www.sensemble.de