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Im Interview: Bruno Jonas: "Der Bayer lebt in der Möglichkeitsform"

Im Interview

Bruno Jonas: "Der Bayer lebt in der Möglichkeitsform"

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    Bruno Jonas.
    Bruno Jonas.

    Guten Tag, Herr Jonas, Sie haben ein neues Buch geschrieben, es ist eine "Gebrauchsanweisung für das Münchner Oktoberfest"...

    Bruno Jonas: Schön, gell.

    Ja, aber sagen Sie uns bitte zuerst: Was genau ist denn das Oktoberfest?

    Jonas: Wenn man es oberflächlich betrachtet, ist es erst mal ein Volksfest, eines, das weltweit kopiert wird. Dass es aber so häufig kopiert wird, weist darauf hin, dass es sich hier um ein einmaliges Phänomen handeln muss. Ich habe mich auf die Suche nach diesem Phänomen gemacht.

    Und? Fündig geworden?

    Jonas: Ehrlich gesagt bin ich erst gescheitert, weil ich mir gedacht habe: Man könnte die ganze Veranstaltung auch für eine einzige Sauferei halten und sonst nichts.

    Aber das stimmt natürlich nicht.

    Jonas: Nein, das stimmt natürlich nicht. Es muss einen Wesenskern geben, habe ich mir dann gedacht. Und ihn gefunden.

    Wir sind gespannt.

    Jonas: Das Oktoberfest ist eine Verdichtung des Bayerischen schlechthin.

    Jetzt müsste man nur wissen, was das "Bayerische schlechthin" ist.

    Jonas: Nun, ist Ihnen mal aufgefallen, dass gerade die nichtbayerischen Besucher Tracht anziehen, wenn sie auf das Oktoberfest gehen? Das heißt, sie wollen dort alle als Bayern erscheinen, ohne es zu sein. Genau das ist bayerisch.

    Das müssen Sie erklären.

    Jonas: Der Bayer an sich hat eine große Lust zur Darstellung, er spielt gerne. Mit sich, mit seinen Rollen, mit seinen Geisteshaltungen. Er tut es, weil ihm die ganze Welt kontingent (zufällig, Anm.d. Red) erscheint, weil er weiß, dass alles auch immer anders sein kann. Wenn man es genau bedenkt, lebt der Bayer in der Möglichkeitsform. Er lebt im Irealis.

    Ist das nicht ein bisschen konstruiert?

    Jonas: Aber nein. Der Bayer sagt zum Beispiel ständig "Oda aba aa wieda net". Das heißt, er weiß, dass es keine Wahrheiten gibt, dass alles nur Schein und Spiel ist. Wie auf der Wiesn. Deshalb sage ich: Das Oktoberfest ist nichts Geringeres als die Anerkennung der bayerischen als die vollendete Lebensweise.

    Gut, dass wir das geklärt haben. Wie bereiten Sie sich auf die Wiesn vor?

    Jonas: Wer wie ich in Bayern geboren ist, bringt die richtige Einstellung im Vorhinein mit. Andere sollten zuvor allerdings trainieren. Das geht gut im Biergarten.

    Können Sie Menschen verstehen, die mit der Wiesn nichts anfangen können?

    Jonas: Natürlich. Der Bayer kann ja für viele Verständnis entwickeln.

    Gehen Sie täglich auf die Wiesn?

    Jonas: Das nicht, aber so vier-, fünfmal schon. Wussten Sie, dass es exakt zwei Wege gibt, wie man sich dem Oktoberfest nähern sollte?

    Nämlich?

    Jonas: Entweder man kommt aus der U-Bahn, dann ist es ein Auftauchen, oder man betritt die Wiesn von oben, von dem Bavaria-Hügel aus, dann ist es ein Eintauchen. In jedem Fall ist es ein Eintritt in ein anderes Universum.

    Was hat es mit dem Geheimnis der ersten Maß auf sich?

    Jonas: Die erste Maß ist ein Mythos. Immer wieder hört man, dass sie "unbandig guad" schmeckt. Das kommt daher, weil man sie so lange entbehren musste. Die zweite Maß ist übrigens nur dazu da, um den Geschmack der ersten zu überprüfen, während die dritte eher eine Routinemaß ist, häufig aber auch als eine Übergangsmaß auf dem Weg zur vierten angesehen wird, die selbst wiederum eine "Durstmaß" ist und deshalb etwas ganz anderes als die fünfte Maß, die meistens nichts weiter ist als eine reine Bestellmaß, die am Ende halb leergetrunken stehen gelassen wird.

    Themenwechsel. Wie sollte man es mit den Fahrgeschäften halten?

    Jonas: Ich selbst fahr zwar nur Riesenrad, aber grundsätzlich kann ich es empfehlen, sich in diese Geräte hineinzubegeben, die die saftige Zusammensetzung des Körpers durcheinanderbringen. Das Schöne ist ja, dass es irgendwann zu Ende ist.

    Muss man Tracht tragen?

    Jonas: Man muss es nicht, man kann es aber: Der Trend jedenfalls geht eindeutig zur Tracht, mit Ausnahme der Italiener. Die sind, was das betrifft, sehr widerstandsfähig.

    Was sollte man auf dem Oktoberfest nicht machen?

    Jonas: Ganz falsch ist es, wenn man auf die Wiesn geht, und sie ist gerade vorbei.

    Wann ist denn der beste Zeitpunkt für einen Besuch?

    Jonas: Mittags. Im Freien sitzen, eine Maß bestellen, ein Hendl essen, und gut ist.

    Stichwort Kulinarik. Was darf, was soll man essen auf der Wiesn?

    Jonas: Man darf alles essen, die Portionen sind, wie alles, was auf der Wiesn angeboten wird, leicht überdimensioniert, aber meist sehr gut. Allerdings kann es nicht schaden darauf zu achten, was die anderen Besucher zum Essen sagen.

    Ein schöner Anlass, um ins Gespräch zu kommen...

    Jonas: Richtig, die Wiesn wird ja ganz maßgeblich bestimmt von der Anziehungskraft der Geschlechter. Das ist eine hocherotische Atmosphäre, und deshalb ist Vorsicht geboten: Man weiß heute ja, dass der Duft entscheidend beim Kennenlernen ist. Die Tatsache, wie jemand riecht. Auf dem Oktoberfest aber gibt es ein Gemisch von Rasierwässern und Parfüms, die Düfte sind nicht mehr eindeutig zuzuordnen. Deshalb kann ich nur davor warnen, sich allein auf seine olfaktorischen Antennen zu verlassen.

    Letzte Frage, wo auf dem Oktoberfest trifft man Bruno Jonas?

    Jonas: Ich gehe gerne ins Winzerer Fändl, aber, liebe Wiesn-Wirte, keine Angst: Ich finde auch all die anderen Zelte ganz toll.

    Interview: Jan Chaberny

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