Der Mann war seit dem vergangenen Samstag vermisst worden. Am Fuß des Höfats-Massivs wurde er gefunden – zwar verletzt, aber lebend. Entdeckt wurde er von seinem 29 Jahre alten Sohn. „Unglaublich“, sagt Hummel und schüttelt den Kopf. Mehrere Suchaktionen – auch mit Hubschraubern – waren zuvor erfolglos geblieben. Fünf Nächte hatte der Bergsteiger im Freien verbracht – bei Temperaturen nur wenige Grad über null.
Horst Engelhardt (58) von der Oberstdorfer Polizei ist nicht nur Alpinexperte. Er betreut auch bei der Bergwacht Unfallopfer und deren Angehörige. Da war es für den Beamten fast schon selbstverständlich, dass er den Sohn des vermissten Mannes aus dem Nordschwarzwald dorthin begleitete, wo dessen Vater vermisst wurde. Engelhardt weiß, wie wichtig es für Angehörige ist, dass sie dorthin gehen, wo ein Vermisster vermutet wird oder wo ein naher Angehöriger gestorben ist. „Man hatte ja praktisch nicht mehr daran gedacht, ihn noch lebend zu finden“, sagt Polizeichef Hummel.
Rückblende. Horst Engelhardt, der Sohn des Vermissten, und ein Bekannter fahren am späten Mittwochnachmittag mit einem Jeep südlich von Oberstdorf ins Gerstrubental, über dem sich die Flanken der 2259 Meter hohen Höfats erheben. Bis zu 90 Grad steil sind im oberen Teil die Grashänge, die schon vielen Bergsteigern zum Verhängnis geworden sind.
„Da oben liegt doch einer, der bewegt sich auch noch“
Als Engelhardt schon wieder zurückfahren will, meldet sich plötzlich der Sohn des vermissten Bergsteigers zu Wort: „Da oben liegt doch einer, der bewegt sich auch noch.“ Wenige Minuten später ist klar: In unmittelbarer Nähe des Fahrwegs hat der 29-Jährige seinen Vater gefunden. Der schwer verletzte Bergsteiger, ein Extremsportler mit Ultramarathon-Erfahrung, ist stark dehydriert und hat vermutlich tagelang nichts getrunken. Aber er ist ansprechbar. Er hat Knochenbrüche, Prellungen und Kopfverletzungen erlitten.
Noch weiß keiner, was geschehen ist. Der Mann ist zu schwach, um darüber zu reden. Mit dem Rettungshubschrauber Christoph 17 wird der schwer, aber offensichtlich nicht lebensgefährlich Verletzte nach einer ersten Versorgung durch den Notarzt in die Klinik geflogen.
Engelhardt lässt der Fall keine Ruhe. Viele Fragen sind ungeklärt. Gestern Morgen macht er sich erneut auf ins Gerstrubental. Er findet den Rucksack des Verunglückten und seine Uhr. Anhand der Spuren kann Engelhardt in etwa nachvollziehen, was geschehen ist. Etwa 400 Meter über dem Fundort ist der erfahrene Bergsteiger, der alleine unterwegs war, am vergangenen Freitag abgestürzt. Anhand der Spuren glaubt Engelhardt sagen zu können, dass der 55-Jährige nur etwa fünf Meter frei gefallen ist. Dann versuchte der Schwerverletzte offensichtlich, sich kriechend nach unten zu bewegen – fünf Tage lang, bis er am Mittwoch auf etwa 1200 Metern Höhe gefunden wurde. Engelhardt glaubt, dass der Mann auf den Westgipfel der Höfats gehen wollte und sich schon im unteren Teil verstieg. Die Orientierung ist dort nicht leicht. Die Anstiege auf den West- und Ostgipfel der Höfats gelten als anspruchsvolle Bergtouren.
Bevor der Vermisste gefunden wurde, waren mehrere Suchaktionen von Alpinpolizei und Bergwacht erfolglos verlaufen – wahrscheinlich, weil nicht so weit abseits der normalen Route gesucht worden war. Und aus der Luft konnte der Mann wegen der Bäume und Büsche wohl nicht gesichtet werden.