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18. April 2008 18:50 Uhr

Interview mit der Pflegemutter

Das neue Leben der versteckten Anja aus Ursberg

Sieben Jahre lang war das Mädchen Anja aus Ursberg (Kreis Günzburg) gefangen in einem dunklen Bauernhof - von Geburt an versteckt von der eigenen Mutter. Knapp ein Jahr nach der Befreiung sprach Anjas Pflegemutter mit unserer Redakteurin Karin Seibold.

Nun, knapp ein Jahr, nachdem die Polizei das Kind befreit hat, erzählt Anjas Pflegemutter im Gespräch mit unserer Zeitung zum ersten Mal vom Leidensweg und von den Fortschritten der heute Achtjährigen. Um ihre Familie, vor allem aber ihr Pflegekind Anja zu schützen, hat sie darum gebeten, dass ihr Name nicht veröffentlicht wird.

Seit Anfang dieses Jahres lebt die Achtjährige bei Ihnen und Ihrer Familie. Wie verbringt das Kind jetzt seinen Alltag?

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Pflegemutter: Wissen Sie, als Anja zu uns kam, haben wir gewusst, dass das eine schwierige Aufgabe für die ganze Familie wird. Und wir durchleben wirklich eine nervenaufreibende Zeit. Aber jedes Lachen und die großen Fortschritte von Anja geben uns die Kraft, weiter durchzuhalten. Denn als wir Anja kennengelernt haben, konnte sie keinerlei Gefühle zeigen.

Was hat sich seither für Sie verändert?

Pflegemutter: Seit Januar bin ich in meinem Beruf als Heilerziehungspflegerin beurlaubt, damit ich rund um die Uhr für Anja da sein kann. Sie kennt keinen Tag-Nacht-Rhythmus, sie ist halt kein normales Kind. Anja ist extrem entwicklungsverzögert - sie hat jahrelang keinerlei Reize von außen erlebt. Außerdem hat sie viele Verhaltensauffälligkeiten und ein sehr gestörtes Sozialverhalten. Sie hatte nie andere Menschen kennengelernt.

Wie äußert sich das jetzt?

Pflegemutter: Sie weiß nicht, wem sie vertrauen kann und hat oft furchtbare Angst. Und sie lebt häufig in Gedanken noch in ihrem alten Zuhause - nicht nur in den Träumen, sondern auch tagsüber. Darüber rede ich viel mit ihr, ich glaube, das ist wichtig für sie.

Ihr Mann ist ein Verwandter von Anjas leiblicher Mutter. Wie haben Sie denn von der Existenz des Kindes erfahren?

Pflegemutter: Durch andere Verwandte, die von ihrer Befreiung erzählt haben.

Was halten Sie davon, dass Anjas leibliche Eltern das Mädchen jahrelang gefangen und versteckt hielten?

Pflegemutter: Kein Kommentar.

Als die Polizei das Mädchen entdeckte, hieß es, das Kind könne weder gehen noch sprechen. Wie ist das jetzt?

Pflegemutter: Anja hat viel gelernt. Sie kann jetzt schon essen. Am Anfang konnte sie noch keine feste Nahrung zu sich nehmen, hat nur Milch getrunken. Aber jetzt isst sie schon selbst. Und sie freut sich über alles, was auf den Tisch kommt - weil das alles neu ist für sie.

Kann sie alleine laufen?

Pflegemutter: Sie kann gehen, aber sie geht auf ihre Weise. Die Zeit wird zeigen, ob diese Fehlstellung behoben werden kann. Ob daran die jahrelange Fehlhaltung schuld ist, kann man nicht sicher sagen.

Wie ist es mit dem Sprechen?

Pflegemutter: Sie bildet jetzt schon Sätze, obwohl sie viele Wörter noch nicht kennt. Am Anfang konnte sie nur zwei oder drei Worte aneinanderreihen, aber jetzt kann sie sich schon verständigen.

Und was erzählt sie so?

Pflegemutter: Nicht viel, man darf sich das nicht vorstellen wie bei anderen Achtjährigen. Anja ist auf dem Entwicklungsstand eines Kleinkindes.

Erzählt sie auch über die Zeit ihrer Gefangenschaft?

Pflegemutter: Ja. Aber dazu möchte ich nichts sagen.

Sagt sie Mama und Papa zu Ihnen und ihrem Mann?

Pflegemutter: Nein, sie sagt unsere Vornamen.

Ihre leibliche Tochter ist ein Jahr älter als Anja. Wie kommen die beiden miteinander zurecht?

Pflegemutter: Sie sieht Anja als Schwester und liebt sie über alles, und umgekehrt ist es genauso. Die beiden sind viel im Garten und schaukeln oder spielen. Anja liebt es, nach draußen zu gehen. Wir machen auch Ausflüge mit ihr, sie soll das ja alles kennenlernen.

Wann soll sie denn zur Schule gehen?

Pflegemutter: Das geht sicher nicht von heute auf morgen. Ich übe mit ihr, wir schauen Bücher an und singen viel gemeinsam. Sie hört gern zu, wenn wir ihr Geschichten und Märchen erzählen. Sie malt auch gern, vor allem in Malbüchern. Sogar zählen hat sie schon gelernt.

Anjas leibliche Mutter ist nach einem Herzstillstand selbst zum Pflegefall geworden. Wird Anja bei Ihnen und Ihrer Familie bleiben?

Pflegemutter: Anja ist für uns wie ein zweites Kind. Wie sich das alles entwickelt, müssen wir sehen.

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