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05. September 2010 20:15 Uhr

Kult

Die Simsons

Die Simson ist ein Zweirad mit Kultstatus, gewissermaßen die Vespa des Ostens. Mit einem entscheidenden Unterschied. Von Till Hofmann

Ein Motorrad der Marke Simson aus der ehemaligen DDR.
Foto: Fred Schöllhorn

Für Liebhaber ist es ein Fest für die Nase. Das Zweitaktgemisch verbrennt, was übrig bleibt, wird in bläulichen kleinen Wölkchen ausgestoßen. Es ist ein Fest für die Augen. Eine schlanke, schnittige, jedenfalls eine unvergleichliche Form bescheinigen wahre Kenner ihren Babys.

Und es ist ein Fest für die Ohren. Dak-dak-dak-dak-dak verlassen die Maschinen am Samstagmittag knatternd den Campingplatz am Oberrieder Weiher (Kreis Günzburg) und machen sich im Konvoi auf zur großen Fahrt ins 10,8 Kilometer entfernte Roggenburg (Kreis Neu-Ulm).

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Ostalgische Gefühle

Dieses Dak-dak-dak-dak-dak ist nicht irgendein Geräusch, sagt der aus der Region Chemnitz stammenden Jan Wenzel voller Überzeugung. Er würde es aus Tausenden heraus erkennen. Ein solcher Knatterton kann nur einer Simson gehören. Rund zwei Dutzend Simson-Freunde aus allen Teilen Bayerns haben sich inzwischen zum sechsten Mal an dem See nahe Breitenthal getroffen und ein Wochenende unter Gleichgesinnten verbracht.

Die Simson, das ist gewissermaßen die Vespa des Ostens. Mit einem entscheidenden Unterschied: Die Mofas, Mokicks, Kleinroller oder Motorräder werden schon seit 2002 nicht mehr produziert. Ersatzteile aber gibt es genügend, Bestellungen im Internet sind innerhalb weniger Tage vor Ort. Günstige Voraussetzungen also, nicht nur um ostalgische Gefühle zu erzeugen, sondern auch ein Zweirad mit Kultstatus unter dem Hintern zu haben. Ganz aus der Reihe fällt dabei Wenzels Gefährt. Das wirre Drahtgeflecht im Innenraum des sogenannten Krause-Duo wirkt nicht gerade überzeugend. Sieht ganz so aus, als ob man hier die elektronische Bastelstunde im Hinterland von Hanoi unterbrochen hätte.

Aber: Es funktioniert. Wenn Wenzel die Lenkstange nach vorne drückt, wird die Bremse ausgelöst. Pedale sucht man vergebens. Den mit Simson-Teilen und Simson-Technik ausgestatteten Krause-Duo gab's in der DDR quasi auf Rezept, er war als Fahrzeug für Versehrte konzipiert und wurde ausschließlich mit den Händen bedient.

Von 1955 bis zur Wiedervereinigung 1990 wurden in den Simson-Werken in Suhl (Thüringen) über fünf Millionen Leichtkrafträder produziert. Simson stand für die unkomplizierte Mobilität in der Deutschen Demokratischen Republik. Während man auf einen Trabbi oder einen Wartburg viele Jahre warten musste, gab's den "Spatz", den "Star" oder die beliebte "Schwalbe" bereits wenige Monate nach der Bestellung.

Das Zweirad made in DDR ist bis heute ein beinahe unverwüstlicher Begleiter. Die überschaubare Technik macht's möglich, dass auch Laien einfache Reparaturarbeiten ausführen können und schnell zu Erfolgserlebnissen kommen.

Finanzielle Gründe standen bei Jaroslaw Haberling (26) am Anfang seiner Leidenschaft. Ein Auto war ihm am Ende der Schulzeit 2001 zu teuer. Der Landsberger hatte "irgendwann einmal" eine Simson gesehen und erinnerte sich wieder daran. Heute gehören ihm sechs Maschinen, die er in einer 100 Quadratmeter großen Werkstatt in Schuss hält. Selbst wenn nichts zu reparieren ist: "Irgendwie wird immer dran rumgeschraubt." Dieses Wochenende auf dem Campingplatz hat er mit seiner Freundin Stephanie Häglsperger und Jan Wenzel für die auch in Bayern größer werdende Simson-Familie vorbereitet - Fachsimpeleien am Lagerfeuer inbegriffen. Bei der "großen Ausfahrt" am Samstag wurden alle belohnt: mit einer Portion Gemeinschaftsgefühl. Und einige hatten noch weitere Erfolgserlebnisse. Wer bei der vorbereiteten Schnitzeljagd am schnellsten die Aufgaben löste, konnte ganz praktische Preise mit nach Hause nehmen: Wer kann zu einem Motorenöl für Zweitakter oder einem Zündkerzenschlüssel schon nein sagen? Till Hofmann

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