Vom Schüler zum Studenten im Schnelldurchgang: Gerade einmal drei Tage, nachdem er sein Abiturzeugnis überreicht bekam, beantragte Robert seinen Studentenausweis. Doch mehr als die knappe Übergangszeit zwischen Schulbank und Hörsaal, plagte den 18-Jährigen aus Eschenbach in der Oberpfalz die Frage: Wie finde ich eine Wohnung in München? In der teuersten Universitätsstadt Deutschlands konkurrieren Studienanfänger mit der Masse von gut verdienenden Singles. Erstsemester stehen Schlange, um wenigstens im Losverfahren einen Wohnheimplatz zu ergattern.
13.000 Abiturienten haben im Mai ihr Studium begonnen
Dazu kommt heuer eine ganz besondere Situation: Wegen des doppelten Abiturjahrgangs in Bayern wollte die Politik den Ansturm auf die Hochschulen zum Wintersemester abmildern, indem sie viele Schüler des letzten G-9-Jahrgangs schon zum Sommersemester in die Hörsäle lockte. Also verlegten die Schulen die Prüfungstermine vor, sodass Absolventen wie Robert ohne nennenswerte Pause in die Universität wechseln konnten. Das hat geklappt: 13 000 der insgesamt 76 000 Abiturienten haben ihr Studium bereits im Mai begonnen. Aber mit der ersten Welle des Doppeljahrgangs drängen auch viel mehr Bewerber auf den Wohnungsmarkt – und verschärfen die ohnehin angespannte Situation vieler bayerischer Universitätsstädte. Vor allem die kleineren Orte stoßen an ihre Grenzen.
An der Uni Bamberg zum Beispiel haben sich zum Sommersemester 883 Studenten eingeschrieben – das sind fast drei Mal so viele wie noch im Jahr zuvor. Gleichzeitig bleibt das Angebot an Mietraum beschränkt. Die Wohnheime sind voll, auf den Wartelisten stehen über 440 Namen. „Wir hatten schon zum Winter 2010 große Probleme, alle unterzubringen“, sagt Maria Steger von der Studentenkanzlei. Das soll sich ändern. Bis Oktober will das Studentenwerk nun einen Container aufstellen, der 50 jungen Menschen ein Obdach liefern wird.
Ähnlich sieht es in Eichstätt aus. In der kleinsten bayerischen Universitätsstadt gibt es praktisch keinen privaten Wohnraum mehr, der für neue Studenten infrage kommt. „Noch gibt es keinen Engpass“, sagt Otto de Ponte vom Studentenwerk. Aber auch hier gilt: Der wahre Ansturm kommt erst im Wintersemester. „Da wird’s dicke kommen“, meint de Ponte. Der Bürgermeister hat schon mal 13 Zimmer eines Altenheims auf Vordermann gebracht. Die Studierenden müssten sich dann wohl auf längere Anfahrten und teure Mieten einstellen, genauso wie in Ingolstadt. Die dortige Hochschule platzt schon jetzt aus allen Nähten, auf dem begrenzten Wohnungsmarkt streiten sich Studenten mit jungen Mitarbeitern von Audi. Das Studentenwerk baut nun eine ehemalige Kaserne zu einem Wohnheim mit 134 Plätzen um, aber bis Oktober sind die Räume nicht bezugsfertig.
Neuankömmlinge in Augsburg haben es da besser. Die neue Wohnanlage in der Bürgermeister-Ulrich-Straße öffnet wohl pünktlich zum kommenden Semester. Damit erhöht sich die Zahl der studentischen Wohnheimplätze auf 1600. Die sind auch nötig, schließlich zählt die Warteliste hier etwa 250 Namen.
Viele der Studenten dürften mittlerweile zwar eine private Unterkunft gefunden haben, aber die Lage wird sich auch hier mit den Studienanfängern im Oktober verschärfen. Das Studentenwerk schließt einen Engpass nicht aus. „Im Notfall richten wir kurzfristig Notquartiere in unseren Wohnanlagen ein, sodass jeder ein Dach über dem Kopf hat“, erklärt die Geschäftsführerin Doris Schneider. Die Planungen seien schwierig, da nicht abzusehen ist, wie viele Abiturienten sich für ein Studium im Herbst entscheiden.
Auch die Vermittler in Regensburg können erst mal durchatmen. Die neuen Studenten sind untergebracht, obwohl auch hier deutlich mehr junge Menschen eine Wohnung brauchten als Jahre zuvor.
Senioren und Studenten gemeinsam in einer WG
In München greift man aufgrund der chronischen Raumnot schon länger zu ungewöhnlichen Mitteln: Studenten mieten sich bei Senioren ein, denen sie bei Alltagsarbeiten zur Hand gehen. „Wohnen für Hilfe“ heißt das Projekt. Jedes Jahr vermittelt der Seniorentreff Neuhausen etwa 30 Stellen. Quantitativ mag das angesichts tausender Suchender wenig sein. Aber es funktioniert, auch wenn das Klischee vom wilden Studentenleben nicht zum Wunsch nach einem ruhigen Lebensabend von Ruheständlern zu passen scheint. Aber die Senioren freuen sich, weil sie dank der jungen Leute länger selbstständig bleiben.
Neu-Student Robert hat einen Platz in einer gewöhnlichen WG in der Landeshauptstadt gefunden – über seine Schwester. Die ist schon länger dort und hat ihm ein Zimmer organisiert. „Mit Kontakten geht die Wohnungssuche immer noch am einfachsten“, meint Robert.