Lodernde Fackeln weisen den Weg zu Kapitän Blaubarts Thron. In den Gängen der Piratenhöhle erkennt man nur schemenhaft Ketten, Felle, Hängematten und Erbeutetes. Der Petroleum-Geruch benebelt die Sinne. Dort unten in den Katakomben der Burghausener Burg spielt der Alltag von Josef Hitzler. Für eine Woche. Denn der 55-jährige Burghausener spielt bei den Dreharbeiten zum Fernseh-Dreiteiler „Baron Münchhausen“ mit Jan Josef Liefers, Jessica Schwarz und Katja Riemann in den Hauptrollen einen Piraten. An Weihnachten will die ARD die Geschichten um den Lügenbaron ausstrahlen.
Weil er aussieht wie der Leibhaftige, mit grau meliertem Rauschebart und langer Lockenmähne, wird Hitzler gerne als Statist gebucht. „Die drei Musketiere“, „Wickie auf großer Fahrt“, „1½ Ritter“ – irgendwie passte Josef Hitzler immer als Komparse. Genauso wie die oberbayerische Burg als Szenerie. „Bayerische Drehorte boomten 2011 wie nie zuvor“, sagt Dominik Petzold vom Film-Fernseh-Fonds Bayern. Die GmbH, an der der Freistaat mit 55 Prozent beteiligt ist, fördert die Filmbranche mit ordentlichen Summen. Mehr als 28 Millionen Euro wurden 2011 in Projekte gesteckt. Bedingung für den Geldsegen: Die Wiesen und Wälder, Straßen und Sehenswürdigkeiten des Freistaats sollen als Drehorte genutzt werden. So geben die Filmteams die Wirtschaftsförderung praktisch wieder in Bayern aus.
Stars und Sternchen ist man hier gewohnt
Die Türe zu Werner Lechners Büro ist offen. Der Amtsleiter im Burghausener Bürgermeisterbüro bittet unkompliziert herein, so sei die Mentalität hier. „Wir sind gewöhnt an Stars und Sternchen in der Burg und haben ein unaufgeregtes Verhältnis zu Kamerateams und Journalisten“, sagt Lechner stellvertretend für die 19000 Einwohner der alten Herzogstadt. Stolz seien sie auf ihre einen Kilometer lange Burganlage, ihr Klein-Babelsberg, in Anlehnung an die berühmten Studios vor den Toren Berlins. „Sie ist nicht kaputt saniert und nicht kitschig. Reines Mittelalter“, sagt Lechner. Vielleicht sind es auch die 17000 Arbeitsplätze – 10000 davon bei Wacker Chemie –, die in der ostbayerischen Grenzstadt für Entspannung sorgen. Oder die Jazzwoche, die gerade läuft und die Betten und Cafés mit Kulturbeflissenen füllt. Deswegen muss das Münchhausen-Filmteam mit 70 Leuten auch in Altötting übernachten.
Auf der Burg wohnen die Burghausener selbst. Pittoreske Vorgärten trennen die wehrhaften Steinhäuser und Türme entlang der Burgmauer von einem Sandweg, der sechs Höfe miteinander verbindet. Jeder der Höfe ist mit Wallgraben, Zugbrücke und Torgebäude eine eigene kleine Märchenwelt. 150 Menschen wohnen in der Anlage mit Fünf-Sterne-Blick auf die Salzach. Dass Tatort-Quotenkönig Jan Josef Liefers hier dreht, scheint sie nicht zu beeindrucken. Sie werkeln in den Gärten oder gehen mit Hunden entlang der Burgmauer spazieren.
Für Schauspieler Liefers ermöglicht der Märchenfilm kreatives Austoben in einer Traumrolle: „Ich darf nicht nur spinnen, ich soll es auch“, vergleicht er seine Rolle mit der „komisch geschminkten Seeräuber-Schwuchtel“, die Johnny Depp in „Fluch der Karibik“ spielte. Mit dem legendären Hans Albers in der Ufa-Verfilmung von 1943 kann und will sich Liefers zwar nicht messen, fragt sich aber, warum es bisher „erstaunlich wenig Filme zur deutschen Urliteratur“ von Gottfried August Bürger gebe. „Mich wundert, dass das Thema so lange verschlafen wurde“, sagt Liefers.
Der Ritt auf der Kanonenkugel, durch die Taiga und bis zum Mond ist für Liefers wie für Münchhausen das Abenteuer seines Lebens. Sein d’Artagnan-Bart ist echt, er lernte reiten und fechten und konnte sich nach acht Stunden an Seilen hängend mit einer Kanonenkugel zwischen den Beinen kaum mehr bewegen. „Man kommt an die Grenze zu echter Arbeit“, sagt Liefers. Als Baron auf der Erbse hat ihn Statist Josef Hitzler in Drehpausen nicht erlebt: „Er saß neben mir auf der Couch, hat die Füße ausgestreckt und es sich gemütlich gemacht. So, als ob es ihm total taugt. Der ist ein lieber Kerl.“