Viereinhalb Jahre nach seinem Sturz haben der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber und die CSU-Landtagsfraktion die große Geburtstagsversöhnung gefeiert. Stoibers Siebzigstem zu Ehren gab die Fraktion am Mittwoch im Münchner Maximilianeum einen Empfang mit 180 Gästen. In Anklang an alte Zeiten gab Stoiber der Fraktion sogleich Anweisungen und forderte Selbstbewusstsein: "Für mich bedeutet CSU auch, den Kopf nicht einzuziehen, wenn der Wind einmal von vorne weht; sich nicht an Besserwissern und Miesmachern zu orientieren."
Stoiber: CSU soll Takt vorgeben
Die CSU-Fraktion solle das Selbstbewusstsein haben, den Takt in der Landespolitik vorzugeben - auch wenn das in einer Koalition nicht so einfach sei. "Wer sollte dieses Selbstbewusstsein haben, wenn nicht ihr, wenn nicht wir?"
"Ich wünsche Dir viel, viel Erfolg
Anschließend erklärte Stoiber seine Unterstützung für den Plan seines Nachnachfolgers Horst Seehofer (CSU), die Verpflichtung zum schuldenfreien Haushalt in der bayerischen Verfassung festzuschreiben. "Ich wünsche Dir in gemeinsamem Interesse dabei viel, viel Erfolg." Stoibers Sturz bei der Kreuther Winterklausur 2007 soll endgültig keine Rolle mehr spielen. "Jetzt hört man auf seine Stimme in ganz Europa", pries der heutige CSU-Fraktionschef Georg Schmid Stoibers derzeitige Tätigkeit als Kämpfer gegen die Bürokratie im Auftrag der EU.
Nicht ohne scheinheilige Züge
Auf Nachfrage räumten manche CSU-Abgeordnete am Rande ein, dass die derzeitigen Lobeshymnen auf Stoiber nicht ohne scheinheilige Züge sind. In der ersten Reihe saß Günther Beckstein, der Stoiber im Tandem mit Erwin Huber verdrängt und beerbt hatte. Diplomatisch heikel sei der Empfang trotzdem nicht, meinte der oberbayerische Abgeordnete Ernst Weidenbusch - 2007 einer der letzten Stoiber-Getreuen: "Das ist ja das Schöne an den Menschen, dass sie ihre Fehler so schnell vergessen."
Philosophischer Goppel
"So ist das Leben", sagte Ex-Wissenschaftsminister Thomas Goppel fast philosophisch. "Er hat seine Riesenverdienste", betonte Landtagspräsidentin Barbara Stamm, deren Verhältnis zu Stoiber seit ihrem unfreiwilligen Rücktritt als Sozialministerin 2001 immer schwierig war. "Es hat in den alten Zeiten auch gute Zeiten gegeben."
Seehofer: Rücktritt war ein Fehler
Ministerpräsident Seehofer merkte vor Beginn der Veranstaltung an, er habe Stoibers Rücktritt damals für einen Fehler gehalten. "Das ist aber Geschichte." Ansonsten fand Seehofer eine diplomatische Formulierung für die Verletzungen, die ein Sturz dem Gestürzten zufügt: "Es gibt im politischen Leben im Umgang mit den verschiedenen Organen immer mal schöne und weniger schöne Situationen."
Stoiber macht seinen Frieden
Stoiber selbst hat inzwischen nach dem Eindruck fast aller Beteiligten seinen Frieden gemacht. "Unzähligen bin ich in der Fraktion seit 1974 zu Dank verpflichtet", sagte er - 1974 war Stoiber zum ersten Mal in den Landtag gewählt worden. Ein Hauch der Geschichte umwehte die Veranstaltung auch in anderer Hinsicht. Ganz wie in seinen besten Jahren kam Stoiber zu spät. "Ich finde, Traditionen sollten gepflegt werden", scherzte darüber Seehofer. (dpa, AZ)