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Interview: Im Fasching wird Söder zum Zauberer Gandalf

Interview

Im Fasching wird Söder zum Zauberer Gandalf

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    Hätten Sie ihn erkannt: Der bayerische Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) kam als "Herr der Ringe"-Zauberer Gandalf zur Fastnacht in Franken in Veitshöchheim.
    Hätten Sie ihn erkannt: Der bayerische Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) kam als "Herr der Ringe"-Zauberer Gandalf zur Fastnacht in Franken in Veitshöchheim. Foto: dpa

    Einmal bei den Frauen ankommen wie Casanova oder rocken wie der Sänger von „Kiss“? Nur zu, der Unsinn hat einen Sinn. Das und wie wir uns an Fasching verkleiden, erfüllt einen Zweck. Einer davon ist Selbstdarstellung.

    Wie das geht, zeigt die bayerische Politprominenz heute Abend bei der „Fastnacht in Franken“ in Veitshöchheim. Mitfeiern wird auch der Psychotherapeut, Pädagoge und – als Kölner – aktive Karnevalist Wolfgang Oelsner. Mehrere Bücher hat der 62-Jährige schon über die Psychologie des Karnevals geschrieben. Wir haben vor der Prunksitzung mit ihm über Verkleidungen für Oppositionsführer und die fränkische Seele gesprochen.

    Warum verkleiden wir uns?

    Oelsner: Der Fasching gibt Erwachsenen die Gelegenheit, zu spielen. So wie Kinder beim Verkleiden verschiedene Rollen annehmen, können wir das bei diesem Fest tun.

    Was ist daran so reizvoll?

    Oelsner: Im Alltag sind unsere gesellschaftlichen Rollen festgelegt: Wir sind Maurer, Vater, Nachbar. Im Fasching können wir hingegen aus diesen Mustern ausbrechen und eine unserer anderen Facetten ausleben. Das ist animierend und entlastend – vor allem, weil wir das ohne Scham und Ansehensverlust tun können. Dazu kommt, dass wir in der Verkleidung Distanz verringern, verbal wie körperlich. Eine Maske siezt eine andere Maske nicht. Man fasst sich an, man schunkelt. Aber die Distanz schwindet nicht nur formal, sondern auch inhaltlich. Ein Büttenredner muss nicht mit einer Beleidigungsklage rechnen, wenn er einen Witz über Angela Merkel macht. Doch die eigene Rolle wird auch gerne optimiert. Frauen können etwa im sexy Kostüm ihre Reize präsentieren, Männer als Musketiere etwa Stärke und Verwegenheit.

    Trifft das auch auf die verkleideten Politiker in Veitshöchheim zu? Oder steckt mehr dahinter?

    Oelsner: Ja, Politiker nutzen den Fasching vielschichtiger. Aber zunächst einmal möchten sie nicht unverkleidet kommen. Der Anzugträger würde zwischen all den Maskierten negativ herausstechen.

    Dient die Verkleidung auch der Imagepflege?

    Oelsner: Sicherlich. Der maskierte Politiker betont Volksnähe. Er gibt zu verstehen: „Hey, schaut her. Ich bin einer von euch!“ Und er stellt heraus, dass er zugänglich ist und auch eine emotionale Seite besitzt. Politiker müssen klug und rational handeln. Der Minister oder Bürgermeister hat im Amt wenig Gelegenheit, Gefühle zu offenbaren. „Quatsch machen“ geht schon gar nicht.

    Was noch?

    Oelsner: Ein Kostüm kann inhaltliche Anspielung sein. Damit kann etwas von der populären Rolle auf den Politiker und seine Persönlichkeit zurückfallen: Passend ist da zum Beispiel, wenn ein Oppositionspolitiker Pirat oder Robin Hood spielt. Manche Kostüme besitzen auch eine ironisierende Anspielung. Zum Beispiel, wenn sich Gabriele Pauli, „die Königsmörderin“, als weißer Unschuldsengel inszeniert.

    Worauf spielt der ehemalige Ministerpräsident Günther Beckstein an, wenn er sich ein Dirndl anzieht?

    Oelsner: Ganz allgemein kann der Politiker auch eine Charaktereigenschaft oder eine Gesinnung demonstrieren. Wenn Beckstein als Frau kommt, beweist er Mut und Spielwitz. Markus Söder als Sänger der Band „Kiss“ spielt hingegen mit einer Subkultur, die so gar nicht der bayerischen Attitüde entspricht. Damit gibt er zu verstehen: „Ich kenne auch eine andere Welt.“ Das ist ein Vertrauenssignal auch an diejenigen, die man mit Worten schlechter erreichen könnte. Ein Kostüm verdichtet eine Botschaft, die unbewusst aufgenommen wird.

    Trotzdem werden auch die beiden aufs Korn genommen. Warum tun sich Politiker den Spott an?

    Oelsner: Damit zeigen die Mächtigen, dass sie Humor haben und die Größe besitzen, über sich selbst zu lachen. Die Alternative, dass man nicht mal mehr in einem Witz vorkommt, ist viel grausamer.

    Warum glauben Sie, ist gerade der fränkische Fasching in Veitshöchheim so erfolgreich?

    Oelsner: Das frage ich mich auch und werde hoffentlich heute Abend schlauer sein (lacht). Ich habe den Eindruck, dass sich der Kult um die Sitzung selbst verstärkt. Vor allem lebt sie aber von ihren Künstlern und von den fränkischen Fastnachtsverbänden. Außerdem liegt es meiner Meinung nach an den Franken selbst. Franken ist eine Art Grenzgebiet, es gehört zwar zu Bayern, beansprucht aber trotzdem eine Selbstständigkeit. Das macht den fränkischen Fasching zu einer guten Mischung. Es tauchen Elemente des bayerischen Faschings und der alemannischen Fasnet ebenso auf wie Bräuche der Mainzer Fastnacht. Zum fränkischen Selbstverständnis gehört auch die Hassliebe zu den Bayern. Sie pflegen ihr vermeintliches Underdog-Image. Und daraus wächst auch ein kreativer Stachel. Im Zentrum der Macht geht diese Kreativität oft verloren.

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