Startseite
Icon Pfeil nach unten
Bayern
Icon Pfeil nach unten

Sommerserie: Reportagen aus der Region: In Pfäfflingen geht es ganz schön bunt zu

Sommerserie: Reportagen aus der Region

In Pfäfflingen geht es ganz schön bunt zu

  • |
  • |
  • |
    60 Millionen Eier werden jedes Jahr in Pfäfflingen gefärbt.
    60 Millionen Eier werden jedes Jahr in Pfäfflingen gefärbt. Foto: Till Hofmann (AZ)

    Pfäfflingen - Seine Frau Babette hat sich schließlich überwunden und ist ein einziges Mal auf den Daniel nach Nördlingen gekommen, erinnert sich Johann Lutzeier: Bei seiner Verabschiedung als Türmer des Nördlinger Wahrzeichens. Zwischen 1979 und 1996 ging er fast täglich die 365 Stufen mehrfach hinauf und hinunter. Den Wissensdurst der Turmbesucher konnte er meistens stillen. Das "So Gsell so" rief er Einheimischen wie Touristen von oben entgegen. Und jedes Jahr am 8. März wurde es in luftiger Höhe feierlich. Eine zahlenmäßig durchaus ahnsehnliche Delegation aus Pfäfflingen bekam an diesem Datum eine inoffizielle, ganz lange "Sonderführung". Die Abordnung schleppte Essen und Trinken auf den Daniel - und dann wurde kräftig gefeiert: Lutzeiers Geburtstag.

    Allen gefiel's. Nur Babette behagte die Tätigkeit ihres Mannes sieben Kilometer von der Heimat entfernt nicht; eine Arbeit, die mit der Eingemeindung Pfäfflingens 1976 nach Nördlingen zu tun hatte. Bis dahin war Johann Lutzeier Bürgermeister des unmittelbar an der Bundesstraße 466 (Nördlingen-Nürnberg) liegenden Örtchens. Auf die Frage des Nördlinger Rathauschefs, was man jetzt mit ihm machen sollte, antwortete der Landwirt damals: "I ka höschdens Turawächter macha." Drei Jahre später war er's. Und das Radeln zur Arbeit und das treppauf, treppab hat eine therapeutische Wirkung nicht verfehlt. Bandscheiben-Probleme waren auf einmal eingerenkt. "Schwierigkeiten habe ich bis heute nicht mehr damit", sagt der 94-Jährige und lächelt verschmitzt. Dann steigt er die Treppen des ehemaligen Schulhauses in Pfäfflingen hinauf und sieht sich das Geländer an. "Das war vor 80 Jahren schon alt", meint er trocken.

    Im ersten Stock, im ehemaligen Klassenzimmer, wo er sich an manche Tatze des Lehrers erinnert, hat sich das "fotografische Gedächtnis" Pfäfflingens ausgebreitet - in Person von Friedrich Straßner. An den Wänden hängen verschiedenformatige Bilder, die das Leben im Dorf zeigen. Die Aufnahmen stammen von dem 76-jährigen und von seinem Vater. Bis auf fünf Jahre während des Zweiten Weltkriegs seien Ereignisse im Ort eines jeden Jahres festgehalten worden: Die Arbeit am Backofen, ein Pferd-Ochsen-Gespann auf dem Feld, Bauern in der Rieser Tracht, der Wechsel von Rössern zu Blechrössern in der Landwirtschaft, Dorffeste oder Meisen, die sich einen Pfäfflinger Briefkasten als idealen Nistplatz ausgesucht haben.

    Gelehrt wird in der 400-Seelen-Gemeinde schon lange nicht mehr. Der größte Raum in der alten Schule wird etwa für Versammlungen genutzt. Der Rieser Maschinenring hat in dem Gebäude ein Büro. Und die Landjugend zwei Räume. Bierkisten stapeln sich dort im Eingangsbereich. An der Wand räkelt sich auf einem Monatskalender eine allenfalls leicht bekleidete Schönheit. Und ein paar Bier- und Schnapsflaschen stehen als Erinnerung an den letzten Treff noch auf dem Tisch. "Das passt schon", findet der Landjugend-Vorsitzende Tobias Jais, der in der örtlichen Landmaschinen-Firma arbeitet und sich noch ein kurzes Feierabend-Bierchen gönnt. So fällt auch sein Urteil auch über das Leben hier im Dorf aus. Pfäfflingen eintauschen gegen München? "Niemals würde ich das machen."

    Wolfgang Aust und Steve Löflad - beide zwölf Jahre alt - finden ihren kleinen Ort während der großen Ferien "eigentlich okay". "Mit Freunden abhängen, mit den Rädern durchs Dorf fahren, Playstation-Spiele zuhause, auf dem alten Sportplatz Fußball spielen". Das sind für die beiden Buben Beispiele für einen perfekten Tag in Pfäfflingen. Zwei Kritikpunkte sprechen sie aber an: Die Tore auf ihrem Bolzplatz haben keine Netze. Und wünschen würden sie sich ein Lebensmittelgeschäft, "wo es Eis, Süßigkeiten und Getränke gibt". Zumindest mit einem Biohofladen kann Gertraud Ott dienen. Sie und ihr Mann Friedrich betreiben den einzigen Biobauernhof am Ort. 12 Ochsen, 80 Schweine und 700 Hähnchen gehören dazu. Im von bunten Blumen geschmückten Laden werden rund 900 verschiedene Produkte angeboten.

    Mit ganz anderen Zahlen kommt Werner Wüst daher. Er ist Senior-Chef einer der größten Eierfärbereien Deutschlands und geht in die "27. Saison". Saison, das ist in Wüsts Fall die Zeit zwischen Weihnachten und Ostern, wenn täglich die aus vielen EU-Ländern angelieferten Eier zuerst ausreichend lange bei 95 Grad gekocht werden und danach die weiße oder braune Schale in eine andersfarbig verwandelt wird. Etwa 60 Millionen Eier pro Saison liefert der Pfäfflinger Geschäftsmann an die großen Handelsketten und -konzerne wie Aldi, Lidl, Tengelmann oder Metro im Inland, aber auch ins Ausland (Österreich, Italien, Niederlande). Der gewöhnliche Osterhase hält bei diesem Tempo nicht mehr mit: Die 60 Millionen Eier haben auf 170 Lastzügen Platz, die aneinander gereiht von Pfäfflingen bis zum Stadtrand Nördlingens reichen würden.

    Wüsts Färberei ist eine alte Erfolgsgeschichte. Der Höhenflug der Pfäfflinger Fußballer, die mit den Sportlern aus Dürrenzimmern einen Verein bilden, eine neue. Erstmals kickt das Dorf, auf dessen Sportanlage seit einigen Monaten ein Flutlicht den Abend erleuchtet, mit in der Bezirksliga. "Das Größte seit dem Bestehen des Vereins", sagt Rudi Götz (57), der den Fußballclub vor 30 Jahren mitgegründet hat. Jetzt ist der Gastronom Hauptsponsor ("Ein Abstieg wäre kein Beinbruch") und sein Sohn Markus versucht, als Abwehrspieler den Gegner vom Toreschießen abzuhalten.

    Ob Sieg, Unentschieden oder Niederlage: Für Zerstreuung ist theoretisch immer gesorgt. Denn neben dem Gasthaus " Zum goldenen Kreuz" (offen am Wochenende und auf Bestellung) betreibt die Familie Götz in Nördlingen die gerade im Umbau befindliche Disco "N! Prado" und in Pfäfflingen selbst das "Rieser Tanz-Zentrum". Im Untergeschoss des Tanzlokals befindet sich eine Besonderheit. Markus Götz legt den Schalter um und knarrend setzt der äußere Ring einer rustikalen Rundbar in Bewegung. Die Drehbar ist seit 1976 in Pfäfflingen das Karussell, in das sich Erwachsene ganz gerne setzen. Die "Fahrzeit" bestimmen sie schließlich selbst.

    Seit rund 200 Jahren hat sich die Bevölkerungszahl Pfäfflingens nicht groß verändert. Aktuell finden zehn Bauplätze keine Abnehmer. Liegt's nur an der gestrichenen Wohnbauprämie, dass niemand in diesen Stadtteils Nördlingen ziehen will? Oder ist man doch lieber unter sich? Eine "Zugezogene" kann die Wagenburg-Mentalität nicht bestätigen. "Mir gefallen die Pfäfflinger. Das sind besondere Leute", sagt Ingeborg Rödel-Klieber auf ihrer Terrasse unter Weinreben. Dass man sich "Vertrauen und Achtung erst erarbeiten muss", hält sie nicht für falsch. Und die eher zurückhaltende (Eigen-)Art der Ureinwohner ist keine Pfäfflinger Besonderheit, sondern "betrifft den Rieser an sich, der nicht so schnell auf Leute zugeht". Im Swimming-Pool im Garten liegt träge ein aufgeblasenes Gummi-Krokodil. Im Hintergrund erhebt sich am Rande des Rieses der markante Ipf. "Ich fühl' mich echt sakrisch wohl hier", meint Rödel-Klieber, die dem örtlichen Schützenverein zum 50-jährigen Jubiläum eine riesige Schützenscheibe gemalt hat. Das Idyll hat freilich seinen Preis: "Das Gefahre nervt manchmal."

    Die Dorfgemeinschaft hat auch Emma Meilbeck-Hertle in einer für sie katastrophalen Situation aufgefangen. Die 67-Jährige berichtet von ihrem ersten Mann, der im gemeinsamen Urlaub in Tansania 1974 an Magenkrebs gestorben ist. "Dass er todkrank war, wusste niemand. Und dann bin ich da gestanden mit drei Kindern und hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Das war der absolute Wahnsinn." Ohne den damaligen Pfarrer und die Unterstützung aus der Bevölkerung hätte es nach Meilbeck-Hertles Einschätzung nicht so leicht geklappt. Die Stadträtin versucht in ihrem Ehrenamt als Ortssprecherin Pfäfflingens ("Ich kenne hier jeden im Ort") nun dem Dorf etwas zurückzugeben. Sie setzt sich für die Belange Pfäfflingens ein, organisiert im Stillen, holt, wenn es notwendig ist, verschiedene Interessens-Gruppen zusammen und versucht unter Streithähnen zu schlichten. Aktuelle Bewährungsprobe ist die Flurneuordnung mit dem Ziel, zerstreute landwirtschaftliche Flächen zusammenzulegen, damit der Grund als großes Ganzes wirtschaftlicher zu beackern ist. "Kleine Streitereien hat es gegeben", sagt der für die Flurneuordnung verantwortliche Walter Elz, "aber keine große Auseinandersetzung".

    Ein ganz anderes Problem türmt sich aber zurzeit auf dem Meilbeck-Hertleschen Grund auf: Das Ergebnis der staatlich gewährten Abwrackprämie. Ehemann Hans kommt kaum nach, die abgeholten Autos zu demontieren und trockenzulegen. Auch durchaus noch brauchbare Modelle stapeln sich jetzt auf dem Hof und warten auf die fahrbare Presse, die sie in die Form von Blechwürfeln quetscht. "Es ist ein Jammer, was hier verschrottet wird. Aber darüber bin ich hinweg. Das ist ja politisch so gewollt", sagt der Autoverwerter vom Dienst. Bislang hatte er jährlich mit 400 Altautos zu tun.Heuer sin es schon mehr als 2200. Deutlich mehr Arbeit - dafür deutlich weniger Ertrag auf das einzelne Auto umgerechnet. Da erinnert sich Hans Hertle viel lieber an seine andere Tätigkeit, der er ebenfalls nachgeht: Autos abschleppen. 2006 hatte er das Gefährt eines prominenten Fahrers am Haken - auf dem Nürnberger Norisring bei der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft. Den Wagen von Mikka Häkkinen im Schlepptau zu haben, das können wahrlich nicht viele von sich behaupten - in Pfäfflingen, aber auch sonstwo in der Welt.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein
    Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden